Das schnellste Mädchen Deutschlands

Aus dem Leben einer erfolgreichen Seifenkistenpilotin


Ich heiße Erika Gorgus und ich bin Deutsche Meisterin 2006 geworden.
Ich fahre seit sechs Jahren Seifenkistenrennen und ich wollte nie irgendetwas anderes machen. Ich habe schon viele Erfolge eingefahren z. B. 2004 Sechste bei der Deutschen Meisterschaft, mehrere Zweite und Dritte Plätze, vier mal Erster Platz bei den Rennen zur NRW-Meisterschaft und dann im Jahr 2006 bin ich durch meine Rennerfahrung und Fahrkönnen Deutsche Meisterin geworden. Ich habe von meinem Vater Geschichten über dass Seifenkistenrennen gehört und habe mir dann ein Rennen angeguckt und habe mich dann für diese Sportart entschieden. Ich erzähle euch mal wie es bei einer Deutschen Meisterschaft zugeht.
Wir fuhren drei Tage vor der Meisterschaft mit unserem Wohnmobil nach Simmerath, wo wir dann mit den anderen Seifenkistenfahrern und deren Wohnmobilen ein Camp aufbauten. Am nächsten Tag habe ich mich angemeldet und habe einen Fahrerausweis und ein T-Shirt bekommen, welches wir dann am nächsten Tag anziehen sollten. Dazu haben wir noch eine Startnummer bekommen welche wir dann auf unsere Seifenkisten kleben sollten. Nach der Anmeldung holten wir meine Seifenkiste aus dem Wagen und montierten die bekommenden Räder an unsere Seifenkiste. Danach sind wir dann zur Technischen Abnahme gegangen wo meine Seifenkiste bemessen und kontrolliert wurde. Die technische Abnahme ist dafür da, dass kontrolliert wird, ob die Rennseifenkiste dem Reglement entspricht. Nachdem meine Seifenkiste kontrolliert wurde bin ich weiter zur Waage gegangen. Dort wird geguckt, ob ich dass richtige Gewicht auf der Vorderachse habe. Ich darf auf der Vorderachse 55 kg haben und insg. darf die Kiste mit mir bis zu 125 kg wiegen, das heißt wiederum, dass man bei einer anderen Strecke die übrig geblieben Kilos auf die ganze Seifenkiste verteilen kann. Je leichter man ist, desto mehr Kilo kann man auf die Achsen verteilen. Wenn meine Seifenkiste dann vollständig durchgecheckt ist, und man nichts verändern muss, werden alle Seifenkisten der Teilnehmer in einer Halle aufgestellt und man darf bis zum Rennen nichts mehr daran machen, noch nicht einmal polieren.
Wenn alles fertig ist, mache ich mich mit meinem Vater auf, die Strecke zu erkunden, denn es ist entscheidend, wo man herfährt. Es kann sein, dass man durch die falsche Linie zehntel oder hundertstel Sekunden verliert, was dann zur Folge hat, dass man wegen ein paar zehntel Sekunden bis zu 10 oder noch mehr Plätze nach hinten rutscht. Ich erkunde also die gesamte Strecke nach Kanaldeckeln, Macken im Straßenboden, leichte Steigungen, oder sonstigen Mängeln an der Straße. Wenn alles abgeklappert ist, suche ich all meine Utensilien zusammen, die ich am Renntag brauche, wie zum Beispiel Gymnastikschläppchen und Leggins, denn in einer Seifenkiste ist nur sehr wenig Platz, und wenn man mit einer weiten Hose einsteigt, kann es sein, dass man beim Aussteigen entweder hängen bleibt, oder man sich die Hose kaputt reißt. Außerdem haben wir Helmpflicht und tragen ihn mit Visier. Wir liegen auf dem Rücken in der Rennseifenkiste und können die Straße nur ab 10 Meter vor der Schnauze sehen. Am Renntag sind alle Fahrer aufgeregt, und wollen unbedingt Ideallinie fahren, aber ich denke mal, die Väter der Fahrer und Fahrerinnen sind noch viel mehr aufgeregt. Wenn man eine schlechte Zeit eingefahren hat, bespricht man für den nächsten Lauf nochmals mit seinem Team die Strecke und versucht es besser zu machen. So geht eine DM vorbei, und anschließend wird gemessen, wer am schnellsten war und die Platzierung verteilt.
Bei der Deutschen Meisterschaft fangen wir mit den Vorläufen an, die Besten qualifizieren sich für die Zwischen- und Endläufe. In drei Klassen nehmen insgesamt 200 Rennseifenkistenpiloten teil, die sich zuvor in ihren Landesverbänden qualifizieren müssen.
Ich hatte eine gute Seifenkiste, die mein Vater mit aller Liebe zusammengebaut hat, und mit Konzentration und Energie habe ich alle hinter mir gelassen. Und weil alle so aufgeregt waren, ob ich jetzt nun Deutsche Meisterin werde, hat meine Mutter den Müttern und Vätern, die mitgefiebert haben, Notfalltropfen verabreicht.

Erika Gorgus, 8a

Seit drei Jahren fahren Sandra, Erika und Florian Gorgus Seifenkistenrennen und haben schon so manchen Pokal mit nach Hause gebracht. Die ganze Familie ist in den Sport mit eingebunden
Die Rennfahrer-Familie Schumacher aus Kerpen ist weltweit in aller Munde. Dass die Kerpener aber noch eine zweite erfolgreiche Rennfahrer-Dynastie her anziehen, ist nur wenigen bekannt: Die drei Geschwister Sandra, Erika und Florian Gorgus aus Linz starten für die „Flotten Flitzer Kerpen" und haben so ziemlich alles gewonnen, was man im Seifenkistenrennsport gewinnen kann. Die zwölfjährige Erika ließ kürzlich bei der Deutschen Meisterschaft fast das gesamte Feld hinter sich und wurde schnellstes Mädchen Deutschlands. Während die Schumis in Riesen-Rennställen mit Millionen-Etats und unzähligen Helfern arbeiten, läuft bei Familie Gorgus und ihren Seifenkisten alles in Eigenregie.
„Die Leute haben eine völlig falsche Vorstellung von den heutigen Seifenkisten", erklärt Vater Fritz, der seine drei talentierten Sprösslinge nach Leibeskräften unterstützt: „Es handelt sich um hochwertige Fahrzeuge aus Glasfaser oder auch Kohlefaser, die sogar irn Windkanal getestet werden." Auch bei den Reifen, Metallradsätzen, Kunststoffen oder Kautschuk, gibt es große Unterschiede. Wie in der Formel I eignet sich nicht jedes Material. Vater Fritz kennt sich bestens aus, schließlich hat er schon zwei Seifenkisten gebaut, die ja nach Material bis zu l 500 Euro kosten können.
Die drei jüngsten der sechs Kinder der Familie Gcrgus betreiben das aufwändige Hobby. Florian, Erika und Sandra haben sich drei Jahre hintereinander für die Deutsche Meisterschaft qualifiziert und auch an der Europameisterschaft teilgenommen. Auf die Idee, Seifenkistenrennen zu fahren, kamen die drei Piloten, als im Jahr 2000 nach einem gemeinsamen Familiensport gesucht wurde. Sandra war von der Idee Seifenkistenrennen zu fahren sofort hellauf begeistert, und einige Wochen später hatte sie auch schon Erika „angesteckt". „Zuerst hatte ich etwas Angst vor der Geschwindigkeit", berichtet die 12-Jährige, die das CJD in Königswinter besucht. Aber nach ihrer ersten Fahrt war sie nicht mehr zu stoppen - bald war auch der kleine Bruder infiziert. Florian hat in diesem Jahr seinen Heim-Grand-Prix in Kerpen gewonnen.
Von der ersten Saison an gelang es dem Gorgus-Clan immer mehr erste Preise einzuheimsen. Die 13-jährige Sandra, die inBad Honnef zur Schule geit, ist die erfolgreichste Fahrerin der Familie und bereits in ihrem ersten Jahr in die so genannte Eliteklasse aufgestiegen, die deshalb geschaffen wurde, damit die besten Fahrer den übrigen nicht immer die ersten Plätze wegschnappen - halt ganz wie in der Formel I.
Die gesamte Familie ist mittlerweile für den spannenden Sport entflammt. Eine Saison dauert dreieinhalb Monate. In der Zeit ist im Rahmen der NRW-Meisterschaft an jedem Wochenende irgendwo im Land dann die drei Seifenkisten in den Anhänger gepackt und dann fährt die Familie los. „Manchmal schon urn 5 Uhr morgens",, berichtet Mutter Hildegard. Doch das hält den Gorgus-Clan nicht auf, der auch schon bis in die Hauptstadt gefahren ist, um an den Berlin Open teilzunehmen, die Sandra übrigens in einem Herzschlag-Finale gewinnen konnte. Am Rennort angekommen, unterzieht Vater Fritz seine Sprösslinge einem Briefing, bei dem die Strecke genauestens besprochen und inspiziert wird. Und dann geht es auch schon los. Florian ist in der Juniorklasse erfolgreich, Erika fährt den Senioren davon und Sandra fährt die Königsklasse.
Der Vater, der sich selbst augenzwinkernd als den „Schrauber" bezeichnet, ist meistens mit am Start. Die Mutter steht an der bis zu 600 Meter langen Strecke und schreibt die Zeiten auf. „Ich fiebere vor lauter Konzentration auf die Fahrzeiten manchmal vergesse, mir die Rennen meiner Kinder anzusehen." Zudem übernimmt die Mutter die Seelsorge, wenn einmal ein Pilon oder ein Strohballen oder andere widrige Umstände den drei Rennfreaks die Fahrt erschwert haben.
Rund 100 Kinder gehen meistens an den Start, sie fahren zweimal auf der Außenbahn, zweimal auf der Innenbahn gegeneinander. Gefahren wird meist auf Landstraßen oder landwirtschaftlichen Wegen, die zu dem Zweck gesperrt werden. Von einer steilen Rampe geht es los, die Kisten fahren bis zu 60 Stundenkilometern schnell. Zur Sicherheit tragen alle Piloten Helme und sind so eng in die speziell angefertigten Kisten eingeklemmt, dass sie auch bei einem Unfall nicht herausgeschleudert werden. Die Zeiten der vier Rennen werden zusammengezählt. Nur wer also konstant hervorragende Leistungen zeigt, kann einen Sieg davontragen.
Von der guten Gemeinschaft unter den Rennfahrern sind die Kinder begeistert, die dort schon viele Freundschaften geschlossen haben. Zuschauer haben die Rennen leider wenige, nur die Familien der jungen Piloten stehen oftmals an der Strecke. Zudem sind sehr wenige Eltern bereit, im Sommer jedes Wochenende für das Hobby der Kinder zu „opfern". Ein Opfer, das für Hildegard und Fritz Gorgus keines ist, wenn sie sehen, wie gut ihren Sprösslingen der sportliche Erfolg tut. Auch vor Unfällen haben sie keine Angst,: berichten die Eltern, die voll auf die Fahrkünste ihrer Kinder vertrauen können.

© Lenchen Stegmann www.general-anzeiger-bonn.de (25. November 2003)


 

Fotos vom Rennen in Kerpen am 16. Mai 2004:

 

Fotos: Tobias Mayer