E-Klassen bringen die ganze Schule voran
Gymnasium, Realschule und Hochbegabte unter einem Dach

 

Das Beispiel der Christophorus-Schule in Königswinter zeigt, dass hochbegabte Kinder nicht unbedingt Spezialschulen brauchen. In der privaten Halbtagesschule des CJD-Jugenddorfes sind Gymnasium, Realschule und Hochbegabte unter einem Dach - und die Schulgemeinschaft profitiert von den Hochbegabten.

 

Integration ist der Schlüsselbegriff. Die Christophorus-Schule Königswinter vereint zwei Schulformen - Gymnasium und Realschule -, und einen Hochbegabtenzweig. Doch die Integration geht noch weit darüber hinaus: Hochbegabte haben nicht nur ihre eigenen Klassenverbände, sondern drücken in den Integrationsklassen zusammen mit "normalen" Kindern die Schulbank, manches begabte Kind überspringt im Gymnasium lieber Klassen als in den Hochbegabtenzweig zu gehen und bei potentiellen Wackelkandidaten wird erst nach der sechsten Klasse entschieden, ob sie im Gymnasium oder der Realschule besser aufgehoben sind.

Alle profitieren von der Hochbegabtenförderung
Der Unterricht für Hochbegabte kann nicht der gleiche wie in normalen Klassen sein. Die Unterschiede machen sich aber nicht nur am Tempo der Wissensvermittlung und dem Lernstoff fest, sondern auch an einer neuen Lern- und Lehrkultur. Die ganze Schulgemeinschaft profitiert von den Hochbegabten. Das ist wie in der Formel Eins, die Innovationsmotor für die gesamte Automobilindustrie ist. Auch in Königswinter finden die meisten Premieren in den E-Klassen statt - ob Computer-Crash-Kurse, Präsentationstechniken, fächerübergreifende Projekte oder die allmähliche Auflösung des klassischen Stundeplans zugunsten von Lernfeldern. Die E-Klassen für Hochbegabte stehen nicht für Elite, wie böse Zungen behaupten, sondern sind lediglich die alphabetische Konsequenz nach A, B, C und D. "In abgespeckter Form" werden die Neuerungen dann auch in den anderen Klassen eingeführt, wie Arthur Bierganz erklärt, der Koordinator des Hochbegabtenzweiges. Doch nicht nur neue Besen kehren gut. Der Frontalunterricht ist nicht etwa ein verstaubtes Relikt, sondern "in machen Situationen das Beste für Hochbegabte. Die wollen kein pädagogisches Entertainment, die wollen Information", ist Schulleiter Hans-Joachim Gardyan überzeugt.

Flexible Lehrer, die sich ständig weiterbilden müssen
Diese Flexibilität fordert natürlich auch die Lehrer. Er oder sie soll Moderator, kein Wissensvermittler sein, neue Unterrichtsformen wie Grouping, Enrichment, Advanced Learning einsetzen und auf die verschiedenen Niveaus der Kinder Rücksicht nehmen. Kein leichter Job, vor allem, wenn das nötige Handwerkszeug in der Lehrerausbildung nicht immer mit auf den Weg gegeben wird. Ist das ein neuer Lehrertyp, der an dieser Schule unterrichtet? Vielleicht sogar hochbegabt? Nein, die Schule braucht, so Gardyan, "gut ausgebildete Lehrer, den begabten Pädagogen, den jedes andere Kind auch braucht". Die Schule nimmt die Weiterbildung ihrer Lehrer zum Teil selbst in die Hand: Einführungsveranstaltungen, Gesprächskreise und schulinterne Weiterbildungen liefern das nötige Rüstzeug.

Schuljahr besteht aus Trimestern
"Hochbegabte brauchen keine kürzere, sondern eine bessere Schule", sagt Schulleiter Gardyan. In der Sekundarstufe II mit einem separaten Hochbegabtenzweig gliedert sich das Schuljahr in Trimester. In den ersten beiden Trimestern lernen die Schüler den Unterrichtsstoff, der für das Abitur vorgeschrieben ist. So ist das Schuljahr kürzer, das Tempo des Unterrichts höher und Wiederholungen gibt es nicht. Diese Akzeleration schafft Zeit und Raum für das letzte Trimester, die Vertiefungsphase. Dort beschäftigen sich Schüler mit Themen, die man im Lehrplan vergeblich sucht. In Zusammenarbeit mit externen Partnern wie renommierten deutschen Forschungsinstituten arbeiten die Schüler an künstlicher Intelligenz, entwickeln fußballspielende Roboter oder Verkehrsleitsysteme. Die Akzelaration lässt sich aber nicht immer und überall durchsetzen. So sind hochbegabte Kinder in ihrem Lern- und Sozialverhalten oftmals nicht gerade pflegeleicht und der Akzent in der Sekundarstufe I liegt mehr auf der Erziehung.


Natürlich kann auch die CJD-Schule in Königswinter nicht machen was sie will. Das Bundesland gibt den Rahmen vor, doch die Christophorus-Schule, die 1992 gegründet wurde, nutzt den vorhandenen Spielraum aus. Im Lehrplan zum Beispiel gibt es keine Physik in der fünften Klasse, in Königswinter schon. Die Schulleitung legt großen Wert darauf, die Kinder so früh wie möglich an die Naturwissenschaften heranzuführen.

Die Schulleitung muss allerdings viel Überzeugungsarbeit bei Eltern leisten, deren Kinder mit den Hochgbeabten zusammen in einem Klassenzimmer sitzen. Überforderung der Kinder ist die häufigste Befürchtung, die Schulleiter Gardyan aber entkräften kann. Schließlich überwiegen die Vorteile: Kleine Gruppen, individuelle Förderung und neue Unterrichtsformen "und das kommt jedem Kind zugute".

 

 

"Die ganze Schulgemeinschaft profitiert von der Hochbegabtenförderung"

 

Mit Hochbegabung kennen sie sich aus - der Schulleiter der CJD Christophorusschule Königswinter, Hans-Joachim Gardyan, und sein Koordinator für Hochbegabtenförderung, Arthur Bierganz. Die Online-Redaktion des Forum Bildung sprach mit ihnen über die Bedeutung der Lehrerweiterbildung und warum alle Schüler von der Hochbegabtenförderung profitieren.


OStD Hans-Joachim Gardyan,
Schulleiter

Arthur Bierganz, Koordinator Hochbegabtenförderung

 

 

 

Forum Bildung: Wie wirkt sich der Unterricht für Hochbegabte auf den normalen Unterricht aus?

Gardyan: Die gesamte Schulgemeinschaft profitiert von der Hochbegabtenförderung. Zum Beispiel legen wir bei allen Schülern sehr viel Wert auf die Präsentation der Ergebnisse. Das Erlernen von Präsentationstechniken ist zuerst im Hochbegabtenzweig eingeführt worden.

Bierganz: Wir entwickeln Projektunterricht oder fächerübergreifende Unterrichtssequenzen für Hochgegabte, die dann in abgespeckter Form auch im gesamten Gymnasium umgesetzt werden. Computer-Crash-Kurse, die wir vor zwei Jahren für die E-Klassen eingeführt haben, sind mittlerweile Standard in allen Klassen zwischen fünf und sieben.

Forum Bildung: Akzelaration, Grouping, Enrichment-Phasen sind Merkmale, die den Unterricht für Hochbegabte ausmachen. In der Lehrerausbildung wird einem angehenden Pädagogen dieses Handwerkszeug ja nicht unbedingt mit auf den Weg gegeben. Wie lösen Sie dieses Problem?

Bierganz: Wenn neue Kollegen bei uns an die Schule kommen, veranstalte ich zuerst eine Fortbildungsveranstaltung zum Thema Hochbegabtenförderung. Dort werden sie dann mit den Schwerpunkten der Arbeit vertraut gemacht - Akzelaration, Enrichment, Broking, Projektarbeit, Wochenplanarbeit etc. Danach gibt es regelmäßige Gesprächskreise, in denen aktuelle Probleme des Unterrichts mit Hochbegabten besprochen werden. Zudem gibt es einen Austausch zwischen erfahrenen und jungen Kollegen sowie schulinterne Lehrerfortbildungen. Die Lehrerfortbildung ist ein dynamischer Prozess, der ebenfalls den Unterricht in den normalen Klassen attraktiver macht.

Forum Bildung: Braucht ein hochbegabtes Kind einen hochbegabten Lehrer?

Gardyan: Nein. Ich brauche nur gut ausgebildete Lehrer, den begabten Pädagogen, den jedes andere Kind auch braucht. In der Hochbegabten-Didaktik sieht der Lehrer als Wissensvermittler gar nicht gut aus. Es ist besser, der Lehrer moderiert und die Kinder lernen sich die Informationen selbst zu beschaffen.

Forum Bildung: Also könnte jeder Lehrer hier unterrichten?

Gardyan: Neben der Ausbildung und Motivation ist eine weitere Grundvoraussetzung für Lehrer, dass sie sich ständig weiterbilden. Allerdings ist es nicht so einfach, dass Lehrer einfach nur motiviert sein müssen. Es gibt Rahmenbedingungen, unter denen die Schule leidet. Wenn sie diese ändern, können sie Lehrer auch ganz anders motivieren. Natürlich sind Geld und Mittel wichtig, aber viel wichtiger ist, dass die Lehrer Raum bekommen für eine neue Methodik und um sich auszutauschen.

Forum Bildung: Gibt es denn im Unterricht überhaupt noch ein Relikt von früher. Wo ist der klasssische Frontalunterricht?

Gardyan: Der Frontalunterricht ist in machen Situationen das Beste für Hochbegabte. Die wollen kein pädagogisches Entertainment, die wollen Information. Diese Flexibilität in den Unterrichtsformen verlangt einiges von Lehrern, vor allem weil Hochbegabte so unterschiedlich sind. In der Sekundarstufe I liegt der Schwerpunkt deshalb auch in der Erziehung, denn im Lern- und sozialen Verhalten sind hochbegabte Kinder nicht immer pflegeleicht.

Forum Bildung: Hat der klassische Stundenplan ausgedient?

Gardyan: Das ist bei uns nicht möglich, weil wir zu nah am Staatssystem sind. Wir sind gezwungen bestimmte Rahmenbedingugen einzuhalten, die wir zum Teil modifizieren.

Forum Bildung: Zum Beispiel?

Gardyan: Zum Beispiel sieht der Lehrplan keine Physik in der fünften Klasse vor. Bei uns schon, weil wir die Kinder schon früh an die Naturwissenschaften heranführen wollen.

Bierganz: In der fünften Klasse haben wir im Fach Englisch zwei Lehrer, die eine leistungsstarke und eine weniger leistungsstarke Gruppe unterrichten. In den Jahrgangsstufen sieben bis zehn bieten wir fremsprachenerweiterten Fachunterricht an - in Geschichte zum Beispiel werden englische Texte bearbeitet.

Forum Bildung: Sie experimentieren ja auch mit den Zeitstrukturen. Naturwissenschaftliche Fächer werden in einem Block zusammengefasst und Doppelstunden eingeführt. Was ist das Ziel?

Gardyan: Der Weg führt hin zu einem Lernfeld - über Blockunterricht in den Naturwissenschaften und fächerübergreifende Doppelstunden versuchen wir allmählich die Zeitstrukturen aufzulösen. Das lässt sich allerdings nur mit einem kreativen Kollegium realisieren.

Forum Bildung: Im Hochbegabtenzweig besteht das Schuljahr aus Trimestern. Das dritte Trimester dient zur Vertiefung extracurricularer Themen. Was kann man sich darunter vorstellen?

Bierganz: In dieser Vertiefungsphase arbeiten wir zum Teil mit außerschulischen Partnern zusammen - mit dem Institut für biomedizinische Informatik der Uni Bonn zum Beispiel. Schüler von uns gehen in Statistik der Frage nach, inwieweit schwere Krankheiten erblich bedingt sind. Mit anderen Institutionen entwickeln sie Verkehrsleitsysteme oder fußballspielende Roboter.

Forum Bildung: Wie lässt sich diese Arbeit benoten?

Bierganz: Die Schüler werden mit einbezogen und dürfen sich selbst und andere bewerten.
Für die Schüler ist es wichtig, bewertet zu werden. Die Kinder wollen wissen, wo sie stehen.

Forum Bildung: In den Integrationsklassen sitzen normale neben hochbegabten Schülern? Warum schicken Eltern ihre "normalen" Kinder in eine Hochbegabten-Klasse?

Gardyan: Da gib es noch viele Vorurteile und Berührungsängste. Man muss den Eltern erklären, dass ihr Kind in diesen Klassen eben nicht überfordert wird, sondern entsprechend der jeweiligen Persönlichkeit gefördert wird. Außerdem sind es kleine Gruppen, die mit innovativen Lern- und Lehrformen arbeiten - und das kommt jedem Kind zugute.


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