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Hans-Joachim Gardyan
Voraussetzung jeder Gründung einer neuen Schule ist
eine gehörige Portion Optimismus, der darauf abzielt, daß die
pädagogischen und konzeptionellen Überzeugungen bei Schülern
und Eltern auf Annahme stoßen und Wege und Antworten für die
junge Generation eröffnen, die sich auch für die Zukunft als
tragfähig erweisen. Wenn zudem die Jugenddorf-Christophorusschule
Königswinter in Trägerschaft des Christlichen Jugenddorfwerkes
Deutschland e. V. (CJD) ihre Türen
in einer an guten weiterführenden Schule nicht gerade armen Region
dem Großraum Bonn - öffnet, muß das Vertrauen
der Gründer in die Tragfähigkeit ihrer pädagogischen Konzeption
groß sein.
Will man jüngeren Zahlen glauben, die der WDR unlängst
(8/94) veröffentlicht hat, daß immer mehr Eltern in Nordrhein-Westfalen
Privatschulen staatlichen Einrichtungen den Vorzug geben, natürlich
nur dort, wo sie es auch können, ist man geneigt, die Titelfrage
mit ja zu beantworten. Denn die meisten staatlich anerkannten Ersatzschulen
sehen im christlichen Menschenbild die Basis ihrer Bildungsarbeit.
Gleichzeitig hört man immer wieder, daß Eltern zwei Dinge
an privaten Schulen eher vorzufinden glauben und diese favorisieren:
1. eine über den Bildungskanon hinausgehende Werteerziehung und
2. engagiertere Lehrer. Es ist nicht einsichtig, daß Lehrer an Privatschulen
automatisch engagierter sein sollen als an staatlichen Schulen. Eine mögliche
Erklärung für die Einschätzung der Eltern wäre, daß
der pädagogische Konsens einer Schule in ihrer christlicher Werteorientierung
sich positiv auf das berufliche Selbstverständnis des Lehrers und
damit auf seine Motivation auswirkt.
Zwei Jahre Jugenddorf-Christophorusschule Königswinter
Die Jugenddorf-Christophorusschule Königswinter ist
innerhalb von zwei Jahren auf 780 Schüler
angewachsen. Die kurze Geschichte der jüngsten Einrichtung im Reigen
der zehn Christophorusschulen des Christlichen Jugenddorfwerks Deutschlands
kann sicherlich den eingangs erwähnten Optimismus der Gründer
bestätigen. Kann sie aber auch verdeutlichen, daß ihre Schulkonzeption
die These zu untermauern in der Lage ist, daß Bilden und Erziehen
auf der Grundlage des christlichen Menschenbildes einen zukunftsweisenden
Modellcharakterhaben?
Der Träger
Alle 160 Einrichtungen und damit auch die Schulen nennt das
Christliche Jugenddorfwerk Deutschlands Jugenddörfer".
Der Name Jugenddorf" ist pädagogisches Programm und wird
als Begegnungsstätte mit Jesus Christus" definiert. Die
zentrale Bedeutung der Person Jesu Christi und seiner Botschaft läßt
nicht zu, daß wenige Spezialisten" Rezepte umsetzen,
die die Sinnfragen nicht nur des jungen Menschen Woher komme ich,
wer bin ich, wohin gehe ich?" zu beantworten in der Lage zu sein
scheinen. Jeder Mitarbeiter muß bemüht sein, auf seine Weise
die grundsätzlichen Lebensfragen des ihm anvertrauten Kindes oder
Jugendlichen ernst zu nehmen. Es sind schließlich auch die eigenen
Sinn- und Lebensfragen. Daraus ergibt sich die zweite Definition von Jugenddorf
Jugenddorf heißt gemeinsam leben". Aus der Botschaft
Jesu Christi lassen sich Antworten auf die Fragen finden, mit denen jeder
junge Mensch und jeder Mitarbeiter konfrontiert ist. Aus dem gemeinsamen
Leben kann Erleben, kann Gemeinschaft, kann die Begegnung mit Jesus Christus
erwachsen. Die Gemeinschaft eines Jugenddorfes ist nicht Kirche oder Gemeinde.
Wie die Mitarbeiter der CJD in den christlichen Kirchen verwurzelt sind,
sollen auch die jungen Menschen ihre konfessionelle Identität finden
oder vertiefen. Im Jugenddorf kann man nicht den Glauben machen. Aber
durch das Sich-Sorgen um den jungen Menschen kann der junge Mensch Fragen
nach Christus stellen, kann Gott Glauben schenken.
Das christliche Menschenbild und daraus folgende pädagogische
Konsequenzen
Der Mitarbeiter in der Jugenddorf-Christophorusschule Königswinter
ist Lehrer. Im Gegensatz zu anderen Christophorusschulen fehlt
zur Zeit noch ein Internat
und somit der sozialpädagogische Mitarbeiter (Jugendleiter).
Der junge Mensch im Jugenddorf wird als einzigartiges geliebtes
Geschöpf Gottes angesehen. Somit ist dem Lehrer eine große
Verantwortung und Aufgabe übertragen . Weiter gilt für Lehrer
wie Schüler in gleicher Weise, was der Gründer des CJD, Pastor
Arnold Dannemann, einmal so formulierte: Der Mensch ist nicht ein
entweder - oder, sondern ein sowohl - als auch." In der modernen
Pädagogik steht ein Mensch im Mittelpunkt, der aufklärungsoptimistisch
als grundsätzlich guter Mensch begriffen wird und durch Erziehung
die Chance erhält, trotz vielerlei in der eigenen Natur oder Gesellschaft
begründeter Fehlerhaftigkeit sich zu vervollkommnen. Eine Fülle
von Grob- und Feinlernzielen moderner Pädagogen führen zu diesem
erzogenen Menschen - oder auch nicht. Das christliche Menschenbild hingegen
sieht den Menschen immer als gleichzeitig begnadet und sündig, gut
und schlecht, liebevoll und grausam, faul und fleißig, mit vielen
Begabungen ausgestattet wie mit Schwächen und Defiziten behaftet.
Daraus folgt dreierlei: Die Einzigartigkeit des jungen Menschen
erfordert vom Lehrer ein sehr genaues Hinsehen und Eingehen auf den einzelnen,
eine Individualisierung" der Pädagogik. Die Vielzahl der
individuellen Begabungen erfordert einen anregungsreichen Lebens-
und Lernraum Schule", der aber auch schülernahe Hilfsangebote
bereithält, wenn Schwächen und Defizite erkennbar sind. Die
Organisationsform derJugenddorf-Christophorusschule Königswinter
als Gymnasium mit Realschulzweig und als Halbtagsschule mit Ganztagsangeboten
bietet dem Schüler über 60
zum Teil sehr ausgefallene Arbeitsgemeinschaften
an, in denen auch alternative Schüler-Lehrer und Schüler-Schüler-Interaktionen
erprobt und die Begegnungsmöglichkeiten über den Unterricht
hinaus vertieft werden können.
Hausaufgabenbetreuung,
ein schuleigenes Nachhilfesystem und ein Mentorenprogramm, in dem jüngere
Schüler von Schülern der Sekundarstufe II betreut werden, sollen
dem Schüler zeigen, daß er angenommen ist und Hilfe erfahren
kann, aber auch, daß die Förderung zur Hilfsbereitschaft eine
wichtige pädagogische Aufgabe der Schule ist. Weitere Beispiele,
wie der einzelne in seinen besonderen Interessen oder in seiner besonderen
Art ernst genommen wird, sind die Einrichtung einer eigenen Übungsfirma,
die den beruflichen Alltag und die industrielle Arbeitswelt erfahrbarer
machen sollen sowie die Installierung einer speziellen Hochbegabtenförderung
in der Erprobungsstufe.
Doch die wichtigste Konsequenz aus dem christlichen Menschenbild
ist die pädagogische Erfahrung des unvollkommenen sowohl -
als auch - Menschen" und somit erlösungsbedürftigen Geschöpfes
Gottes. Beide, der junge Mensch und sein Erzieher, leben mit diesem
Gegensatz zwischen Wollen und Vollbringen, beide haben Vorsätze im
Guten und Bösen. Beide sind füreinander die Vergebung. Das Einmaleins
des neuen gemeinsamen Anfangs heißt für den Pädagogen,
der Christ sein will: Niemals einen Menschen aufgeben, immer dazu bereit
sein, noch einmal von vorn mit dem ihm Anvertrauten zu beginnen. Erziehen
heißt, diesen ganzen Zustand des Menschen bewußt zu machen."
(Arnold Dannenmann, Das Fundament: Christliches Menschenbild o. Angb.)
Die helfende und fördernde Jugenddorf-Christophorusschule
Königswinter glaubt nicht an die Machbarkeit des modernen Menschen. Auch
sind nicht die Gesellschaft oder bestimmte gesellschaftliche Gruppen in
ihrem pädagogischen Interesse. Ihre christliche Pädagogik geht vom einzelnen
aus, weil Gott am einzelnen interessiert ist. Im pädagogischen Konzept
der Schule wird dies verdeutlicht: „Man kommt zu ganz anderen pädagogischen
Entscheidungen, sei es in der Laufbahnberatung, der Zensurengebung oder
der Unterrichtsgestaltung, wenn nicht eine wie auch immer definierte Großgruppe
den perspektivischen Rahmen abgibt, sondern der einzelne mit seinen Möglichkeiten
und Grenzen.
Ein hypothetisches Gymnasium könnte seine Zielgruppe wie
folgt definieren: Als klassische Bildungsinstitution mit dem Ziel, den
in der BRD höchsten Schulbildungsabschluß zu vermitteln, ist allein die
Gruppe junger Menschen gefragt, die bildungsbereit, intelligent und leistungsorientiert
ist. Schüler, die nicht unter dieses allgemeine Diktum fallen, gelten
demnach nicht als gymnasialfähig. Daß viele junge Menschen zwar diesen
Voraussetzungen grundsätzlich entsprechen, sie aber nicht in der Lage
sind, diese auch zu demonstrieren, weil bestimmte Fehlentwicklungen dies
verhindern, das muß zwangsläufig jeder allgemeine Kriterienkatalog übersehen".
(Gerhard Kube: Theoretische und praktische Aspekte der religionspädagogischen
Arbeit an der JCS Königswinter. 1993. S. 10).
Leistung und Wert des Menschen
Durch das Wissen um die Unvollkommenheit des Schülers wie
Lehrers und gleichzeitig durch das Wissen der christlichen Pädagogik um
Gottes uneingeschränkte Annahme des Menschen, auch mit seinen Fehlern,
läßt sich ein weiterer Zusammenhang relativieren, ja auflösen, der in
unserer modernen Gesellschaft selbstverständlich geworden ist: der Zusammenhang
von Leistung und Wert des Menschen.
Die Vorstellung, daß mit größerer Leistung der Wert des Menschen
sich erhöhe, führt bei vielen Schülern dazu, daß jedes Versagen, und sei
es noch so unbedeutend, eine existenzbedrohende Wirkung beinhaltet. „Wenn
aber dieser Zusammenhang durchbrochen wird, indem man jungen Menschen
vermittelt, daß ihr Wert als Person unzerstörbar feststeht, dann nimmt
man damit auch jeder Leistungsforderung ihre existentielle Spitze.
Wenn uns das in unserem Lehr-Lernprozeß gelingen sollte,
dann erhalten wir Menschen, die Leistungen bejahen, weil sie wissen, daß
ihr Wert nicht von ihnen abhängt. Und warum sollte man dann nicht auch
anspruchsvolle Leistungen erwarten können? Mit unserem pädagogischen Ansatz
verbinden wir die begründete Hoffnung, daß er an unserer Schule die Voraussetzung
für eine entkrampfte Lernatmosphäre schafft.
Und in solch einer Atmosphäre könnte sogar so etwas entstehen
wie Leistungsfreude. Viele junge Menschen verweigern Leistungen oft nur
deshalb, weil sie spüren, daß von dem Gelingen ihrer Arbeit auch ihre
Wertschätzung abhängt. Die gleichen Jugendlichen leisten nicht selten
Großartiges auf Gebieten, die keiner offiziellen Beurteilung unterliegen."
(Kube, a.a.O. S. 12).
Entwicklung der Persönlichkeit
In diesem Zusammenhang zwischen Leistung und Erfolg, die
Erfahrung von Enttäuschung beim Mißerfolg und Freude am Erfolg gehören
zur Entwicklung der jungen Persönlichkeit, die sich vom christlichen Erzieher
angenommen fühlen darf, weil sie von Gott angenommen ist.
Aus dem Gesagten wird deutlich, daß jede pädagogische Unternehmung
an der Jugenddorf-Christophorusschule eine religionspädagogische Verankerung
besitzt. Weil damit nicht das unfehlbare Rezept für eine christliche Schule
betrieben ist, weil genau genommen sogar der Begriff „christliche Schule"
fragwürdig ist - besser ist von einer Schulgemeinschaft zu sprechen, die
aus Menschen besteht, die sich um ihren christlichen Erziehungsauftrag
täglich aufs neue bemühen - bedarf es eines religionspädagogischen
Beirates, der allen Kollegen offen steht und die beschriebene Konzeption
praktisch umsetzt. Schulgottesdienste, konfessionelle wie überkonfessionelle,
werden von Klassenlehrern zusammen mit den Religionslehrern und den Schülern
vorbereitet. Ein religiöses Projekt von 2 Tagen, die „Tage der Besinnung",
finden alljährlich statt. Im Rahmen der Morgenbesinnungen erhalten
die Schüler einmal wöchentlich kurze christlich-religiöse Denkanstöße
und Hilfen für ihre Lebensgestaltung. Ein freiwilliges Pausengebet
und der Frühtreff dürfen im Angebot der Schule nicht fehlen.
Von besonderer Bedeutung sind religionspädagogische Mitarbeitertage,
die mehrmals im Schuljahr stattfinden. Die Herausforderung, an der Umsetzung
einer christlichen Pädagogik mitzuwirken, verändert auch das traditionelle
Lehrerbild, alles wissen zu müssen oder zumindestens so zu tun.
Die Schüler erfahren ihre Lehrer oft genug als Lernende
- eine Akzentuierung des Berufsbildes, die sehr wahrscheinlich in der
Zukunft noch an Bedeutung gewinnt.
Um den Herausforderungen der Zukunft begegnen zu können,
bedarf es eines fundierten Fachwissens, Team- und Kommunikationsfähigkeit,
des Beherrschens von Arbeitstechniken und vieles mehr, was nicht nur in
der Jugenddorf-Christophorusschule Königswinter Ziel pädagogischer Anstrengungen
ist. Aber nur, wenn es der Schule gelingt, ihre christliche Werteorientierung
in dauerhaft konsensfähige Pädagogik umzusetzen, sind die Voraussetzungen
gegeben, junge Menschen heranzubilden, die in Verantwortung vor ihrem
Schöpfer, im Bejahen ihrer Fähigkeiten und im Wissen um ihre Schwächen
unser aller Zukunft zum Segen der Menschen zu gestalten in der Lage sind.
Anmerkungen:
Dieser Text wurde veröffenlicht in der Zeitschrift "Evangelische
Verantwortung"; Ausgabe Dezember 1994/Januar 1995.
Die CJD Jugenddorf-Christophorusschule
hat heute (2002) 1150 Schüler.
Das Internat ist mit Beginn des Schuljahres 2000/2001 eröffnet worden.
Der AG-Bereich umfasst heute etwa 100 AGs.
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