Schule für Hochbegabte

Förderung ohne starre Regeln

Eigentlich ein Paradoxon: Deutschland hat zu wenig Forscher, Wissenschaftler und Vordenker. Das ist spätestens seit der Green Card-Diskussion ein Thema in Fernsehen und Rundfunk, in Zeitungen und am Stammtisch. Dabei ist das Potential an außergewöhnlich begabten jungen Menschen in Deutschland groß - wie Experten behaupten. Leider geht unser Schulsystem auf diese Gruppe aber so gut wie gar nicht ein - Fördermöglichkeiten gibt es lediglich für besonders schlechten Schüler. Die besonders guten gehen leer aus. Glücklicherweise ist das aber nicht überall so. Am Montag begann der Unterricht an der Christophorus-Schule in Königswinter bei Bonn. In einem einzigartigen Konzept werden hier seit acht Jahren hoch begabte und geniale Kinder entsprechend ihren individuellen Anforderungen geschult. In den Klassenzimmern sitzen ausschließlich besonders leistungsstarke und hoch begabte Kinder. In den ersten beiden Jahren an der Christophorus-Schule, in der sogenannten Integrationsphase, wird beobachtet, wer sich wie entwickelt und wie die persönlichen Begabungen entsprechend gefördert werden können.

Diese zwei Jahre dienen als Einstieg in eine mögliche reine Hochbegabtenförderung. Viele der in Königswinter lernenden Kinder waren in ihren alten Schulen Außenseiter, die aufgrund ihrer Begabung mehr Nach- als Vorteile hatten. Denn statt entsprechender Förderung war der Unterricht für sie schlichtweg langweilig. Weil die Hochbegabten einfach schneller lernen, werden in Königswinter fächerübergreifende Projektarbeiten angeboten. Die zehnte Klasse beschäftigt sich in diesem Halbjahr in Latein, Physik, Religion und Kunst gleichzeitig mit dem Thema "Die Entstehung der Welt". Über den normalen Lehrplan redet hier keiner, denn der wird unter ferner liefen ganz nebenbei abgehandelt.

Manche Königswinterer Schüler nehmen so gut wie nie am Unterricht teil. Die sechzehnjährige Sophie Moser ist als Geigerin bereits international gefragt und studiert zusätzlich noch an einer Musikhochschule in Köln. Dass Begabung zu einem echten Problem werden kann, wissen die wenigsten. Hoch begabte Kinder denken und handeln anders als ihre gleichaltrigen Schulfreunde. Sie gelten deshalb oft als arrogant, schwierig und werden häufig missverstanden. Ihre Zukunft ist deshalb oft verbaut. Ab diesem Schuljahr bietet die Christophorus-Schule auch Hochbegabten-Förderung in den oberen Jahrgangsstufen an. Durch das neue Angebot an Internatszimmern sind für viele Schüler lange Anfahrtswege endlich vorbei. Fabien Stoffels, hat sein Zimmer auch schon bezogen. Er gehört zu den kleinen Multi-Genies, die einfach alles können. Seine Liebe aber gehört der Musik - auch er wird gleichzeitig an einer Musikhochschule ein Studium beginnen. Dank des Konzepts der Christophorus-Schule wird er trotzdem Abitur machen können - und das wahrscheinlich mit einem Einser-Schnitt.

 


© www.3sat.de/nano, September 2000