Hoch begabt ist hier kein Nachteil
(Aus der Welt am Sonntag vom 1. April 2001)
Schulen in Münster und Königswinter unterrichten nur Schüler, die klüger
als die meisten Erwachsenen sind: Genies mit einem IQ von mehr als 130
Von Dorothee Krings
Alexander muss nicht lange nachdenken. Sicher setzt er Kreidestrich
neben Kreidestrich. Auf der Tafel erscheint eine weiße Spur wunderlicher
Zeichen: japanisch. Sprachunterricht in der 11e der CJD Jugenddorf-Christophorusschule
in Königswinter. "e", das weiß hier jeder, ist das Kürzel für die Klasse
der Hochbegabten. Jene Schüler, die schnell begreifen, ständig hinterfragen,
überdurchschnittlich gut behalten können, kurz: einen IQ von mindestens
130 haben. Beste Voraussetzungen, um Japanisch zu lernen. Beste Voraussetzungen
aber auch, um Außenseiter zu werden in einer herkömmlichen Klasse. Weil
es schwierig ist, nicht als Besserwisser zu gelten, wenn man vieles
besser weiß. Dabei bedeutet hochbegabt zu sein zunächst nur eins: anders
sein als die anderen und damit potenziell einsam. Alexander, 16, redet
nicht gerne über die ersten Jahre seiner Schulkarriere. "Klar haben
die mich Streber genannt, dabei hab' ich überhaupt nichts für die Schule
getan." Erst als er ins Christophorusdorf kam, wurde alles anders. "Hier
ist es normaler, gut zu sein. Hier wird man akzeptiert." Andere hatten
weniger Glück. Anna Bungardt zum Beispiel. Erst in der siebten Klasse
wurde ihre Hochbegabung festgestellt. Da war Schule für sie längst nur
noch verordnete Langeweile. Die ewigen Wiederholungen, die Langsamkeit
ihrer Mitschüler nervten sie. Irgendwann ging Anna nur noch tageweise
in die Schule, mit 15 gar nicht mehr. Es folgten: eine abgebrochene
Friseurlehre, Gammeljahre. "Aus der Demotivation kommt man kaum wieder
raus", sagt Anna Bungardt, 19. "Vielleicht hätten meine Lehrer anders
reagieren müssen, aber die waren nicht entsprechend ausgebildet." Eine
neue Einrichtung an der Universität Münster will das ändern. Im "Internationalen
Centrum für Begabungsforschung" untersuchen Pädagogen, Psychologen und
Fachdidaktiker Denkstrukturen und Lernstrategien hochbegabter Kinder.
Praktische Anwendung soll ihre Forschung in drei Bereichen finden: Bei
der Ausbildung von Lehramts-Studierenden, bei der Testdiagnose von Kindern
und bei der Weiterbildung von Lehrern zum "Specialist in Gifted Education".
"Hochbegabung bedeutet nicht zwangsläufig Hochleistung", sagt Dr. Christian
Fischer, kommissarischer Geschäftsführer des neuen Zentrums. "Man muss
die Stärken hochbegabter Kinder fordern, aber auch ihre Schwächen erkennen
und fördern." Dazu brauche man ausgebildete Pädagogen, Unterrichtsmaterialien,
auch kleinere Klassen seien wünschenswert. "Kostenneutral geht das nicht."
Bildungsministerin Gabriele Behler aber setzt im Wesentlichen auf Schulzeitverkürzung.
Forderungen, etwa der FDP, flächendeckend Hochbegabten-Förderzweige
einzurichten, lehnt die Ministerin ab. Ihr Credo: Integration. Besonders
begabte Schüler sollen innerhalb der eigenen Schule gefördert werden.
Kritiker fordern dagegen Spezialunterricht, weil Hochbegabte anders
dächten und lernten. Ein weiteres Problem: Kinder, deren Begabung zu
spät erkannt wird, enden häufig als Schulversager. Sie landen also gar
nicht erst in gymnasialen Förderklassen, obwohl sie das Zeug dazu hätten.
"Wir verschwenden die hellsten Köpfe, weil wir sie zu spät fördern",
sagt Ingrid Pieper von Heide, Mitglied der FDP Landtagsfraktion. Pädagogen
und Schulpolitiker wetteifern um das beste Förderkonzept. In Städten
wie Köln oder Münster besuchen schon Grundschüler Hochschulseminare.
In Detmold und Herten planen private Träger zwei neue Spezialschulen.
Im westfälischen Eringerfeld hat gerade die private Talenta-Schule eröffnet.
Die längste Erfahrung hat die CJD Jugenddorf-Christophorusschule in
Königswinter. Das christliche Gymnasium mit Realschulzweig und angeschlossenem
Internat bildet seit sieben Jahren hochbegabte Kinder aus und versucht
dabei, Integration und spezielle Förderung zu verbinden. Bis zur Oberstufe
gibt es nur in Englisch und Mathematik gesonderten Unterricht. Ab Klasse
elf, demnächst ab Klasse neun, besuchen besonders begabte Kinder dann
separaten Unterricht. "So fördern wir die kognitiven Fähigkeiten, aber
auch das soziale Verantwortungsbewusstsein der Kinder", sagt Direktor
Hans-Joachim Gardyan. Diagnose hochbegabt - auch für Eltern kein Grund
zu jubeln. "Hochbegabung ist nichts Strahlendes, nichts zum Angeben",
sagt Jutta Meyer, Mutter zweier hochbegabter Söhne, "sondern vor allem
anstrengend."
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