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Das deutsche Schulsystem will traditionell die Chancengleichheit
für alle. Die Christophorusschule in Königswinter zeigt, wie
sich mit diesem Ziel die notwendige Förderung von Hochbegabten verbinden
lässt.
"Nicht für alle das Gleiche, sondern für
jeden das Beste!" Nach dieser Devise leitet Hans-Joachim Gardyan
die Christophorusschule in Königswinter bei Bonn. Das ist eine Lernumgebung
für hochbegabte Jungen und Mädchen wie Leif, der mit zehn Jahren
schon die achte Klasse besucht. Aber zugleich auch eine Schule für
Durchschnittsbegabungen, die zum Teil eher praktisches als theoretisches
Talent haben.
Um möglichst jedem gerecht zu werden, sind die Bildungswege
ab Klasse fünf gleichsam nach dem V-Modell aufgebaut: Der eine Ast,
der mit dem zehnten Schuljahr endet, führt gezielt zu einem "mittleren"
Abschluss oberhalb der üblichen "Hauptschule"; wer den
anderen, schwereren und längeren Ast wählt, kann nach dreizehn
Schuljahren zur allgemeinen Hochschulreife gelangen, also dem Anspruch
auf ein Universitätsstudium. Auch der Wechsel von der einen in die
andere Schullaufbahn ist möglich und je nachdem empfehlenswert.
Auf dem längeren Ast ist das Lehrangebot allerdings
noch weiter verzweigt, womit die Christophorusschule eine unverkennbare
Ausnahmestellung im deutschen Schulsystem einnimmt. So gibt es in den
Jahrgangsstufen fünf bis zehn, also für die Zehn- bis Sechszehnjährigen,
neben Klassen mit Regelunterricht so genannte "Integrationsklassen",
in denen überdurchschnittlich leistungsstarke Schüler und schon
erkennbar Hochbegabte zusammen lernen, schneller und komplexer als die
anderen. "Gerade bei Überfliegern kommt es darauf an, die Anstrengungsbereitschaft
herauszufordern", erläutert Gardyan. "Wenn es denen zu
langweilig wird und sie der Schulfrust packt, besteht die Gefahr, dass
sie zu Underachievern, zu Versagern werden." Im übrigen fördert
der Klassenmix aus sehr guten und noch deutlich besseren Schülern
die Sozialkompetenz aller Beteiligten. "Um später im Beruf Erfolg
zu haben, müssen sie Fachwissen unbedingt mit Teamfähigkeit
verbinden", so der Schulleiter. "Gerade der Hochbegabte muss
sich in begabungsheterogenen Gruppen bewähren."
Wenn sich Leif und Seinesgleichen allerdings in der "Integrationsklasse"
immer noch nicht genug ausgelastet fühlen, bieten ihnen zahlreiche
freiwillige Arbeitsgemeinschaften am Nachmittag von der Musik über
Sprachkurse (Japanisch) bis zur Imkerei vielfältige Anregungen. "Ich
beispielsweise bin in der Roboter-AG", sagt Leif. "Wir bauen
und programmieren etwa künstliche Helfer, die auf einem begrenzten
Spielfeld Tennisbälle einsammeln." Dafür gab's auch schon
Preise in mancherlei Wettbewerben. Die Elftklässlerin Nora arbeitet
mindestens einen Tag in der Wochen in einer Genomics-Gruppe von Studenten
und Doktoranden des Life & Brain Centers an der Universität Bonn
mit. Die Schularbeiten erledigt sie dann nebenher am Abend.
In den Klassen elf bis dreizehn werden die Hochbegabten
in eigenen "Förderklassen" zusammengeführt. Sie machen
vier Leistungskurse und nicht nur zwei wie ihre normal begabten Altersgenossen.
Kai, ein begeisterter Informatiker, belegt natürlich Mathematik,
aber auch die geisteswissenschaftlichen Fächer Deutsch, Englisch
und Geschichte. Die Schule versucht, frühe Spezialisierung und Vertiefung
möglichst mit breiter Allgemeinbildung zu verbinden. "Wir geben
gerade Hochbegabten womöglich die letzte Chance dazu!", bemerkt
Direktor Gardyan.
Die Christophorus-Spitzentalente haben einen gemessenen
Intelligenzquotienten von 130 aufwärts und können in manchen
Hinsichten als frühreif erscheinen. Wie und was zum Beispiel Leif
redet, das klingt für sein Alter manchmal schon altklug. Intelligenz,
erst recht Hochbegabung, kann sich sprunghaft entwickeln, weiß die
Schulpsychologin Miriam Martini. Dabei komme es darauf an, die kognitive
und emotionale Persönlichkeitsbildung in Einklang zu bringen. Das
kann zu einer schwierigen pädagogischen Aufgabe werden. Da ist es
je nachdem besser, die angestammte Schulumgebung zu verlassen. Manche
Christophorus-Zöglinge kommen von weit her. Für sie gibt es
ein Internat auf dem Campus.
"Vor fünfzig Jahren begann der Träger unserer
Schule, der Verein Christliches Jugenddorf, mit der Jugendhilfe für
Benachteiligte", erläutert der Schulleiter. "Seit den siebziger
Jahren wuchs aber die Erkenntnis, dass auch scheinbar Bevorzugte wie die
Schnell-Lerner mitunter auf besondere soziale und emotionale Förderung
angewiesen sind. Wir machten damit den Anfang in Deutschland." Ursprünglich
stammt die Idee der Hochbegabtenförderung aus Amerika, wie heute
noch die pädagogischen Grundbegriffe "Acceleration" und
"Enrichment", Beschleunigung und Anreicherung des Lernprozesses
verraten.
Der jüngste Baustein dazu ist ein "Kreativhaus",
das sogar die Bundesregierung mitfinanziert. Es umfasst eine Maschinenwerkstatt,
ein Mal- und Bastelzimmer, ein Fotolabor, Computerräume, einen Musik-
und einen Tanzsaal nebst dazugehörigem Tonstudio. "In diesem
Haus des Machens sollen unsere Schüler konkret lernen, dass es nicht
allein auf gute Einfälle und abstrakte Ideen ankommt, sondern letztlich
auf ihre praktische Umsetzung in vorzeigbare Ergebnisse." So wandert
natürlich auch Leifs Roboter-AG ins Kreativhaus und expandiert dort
dank eines großzügigen Sponsors aus dem Telekom-Bereich zur
"Ingenieur-Akademie für Junioren". Damit die Zukunft machbar
bleibt.
Hermann Horstkotte, Dozent an der Technischen Universität
Aachen
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