„Hoch begabten Kindern fehlt geistiges Futter"


FDP und CDU fordern eine bessere Förderung von überdurchschnittlich intelligenten Kindern. In Nordrhein-Westfalen gibt es rund 56 000 Schüler mit einem IQ von 130 und mehr
Manche spielen sich vor der Klasse als Clown auf, fühlen sich missverstanden und zeigen oft unerklärlich schwache Leistungen: hoch begabte Kinder. Deren Situation will die nordrhein-westfälische FDP-Landtagsfraktion verbessern. Die Liberalen fordern von der Landesregierung cm umfassendes Konzept zur Förderung hoch begabter Kinder und Jugendlicher,
Ein überdurchschnittlicher Intelligenzquotient (IQ) ist offenbar kein Einzelfall-Rund jedes 50. Schulkind sei hoch begabt und verfüge über einen IQ von 130 oder mehr, sagt Karsten Otto, Geschäftsstellenleiter des Vereins Hochbegabtenförderung in Bochum. Das bedeutet, dass rund 56000 der 2,8 Millionen Schüler in NRW hoch begabt sind. Knapp jeder siebte von ihnen wird bis zur gymnasialen Oberstufe zum Schulversager, schätzt der Verein Hochbegabtenförderung. Der Grund: Der „normale“ Schulstoff sei für hoch begabte Kinder keine Anforderung. Und doch nüssten sie sich über Monate mit für sie einfachsten Dingen beschäftigen. Die Folge: Lernverweigerung.
Die FDP-Landtagsabgeordnete Ingrid Pieper von Heiden hält die Dunkelziffer für noch höher. In Nordrhein-Westfalen gebe es mindestens 12 000 solcher verhaltensauffälliger „Minderleister", sagte sie gestern in Düsseldorf. Als Abhilfe, kritisiert Pieper-von Heiden, habe das Bildungsministerium jedoch bislang nur Behelfsmaßnahmen ergriffen.
Die Fördermöglichkeiten setzten indessen schon im Grundschulalter an, sagt Christiane Vielhaber, Sprecherin der Landesministeriums für Schule, Jugend und Kinder: „Ein Mindestalter für die Einschulung gibt es nicht mehr." Hoch begabte Kinder könnten somit früher als bisher eingeschult werden. Ab dem Schuljahr 2004/2005 gebe es an den Grundschulen zudem flexible Schuleingangsklassen. „Kinder die schnell vorankommen, können nach dem ersten Schuljahr direkt in die dritte Klasse wechseln", erklärt Vielhaber. An den weiterführenden Schulen können hoch begabte Schüler schon jetzt eine Klasse überspringen - an rund 130 Schulen in Nordrhein-Westfalen ist das auch als Gruppe oder in einer ganzen Klassenstärke möglich.
Pieper-von Heiden gehen diese Schritte aber nicht weit genug - ebenso wenig wie Bernhard Recker, dem schulpolitischen Sprecher und Vizechef der CDU-Landtagsfraktion. „Hoch begabte Kinder und Jugendliche brauchen geistiges Futter«. In Nordrhein-Westfalen leiden sie an Unterernährung", sagt Recker. Karsten Otto vergleicht die hoch begabten Kinder mit einem Sportwagen, den man mit Diesel betanke. Eine Klasse zu überspringen, bedeute nur, dass der Motor mehr Diesel bekomme. Für die Hochleistungsmotoren fordert er stattdessen den Treibstoff Super in Form von auf die besonders intelligenten Schüler zugeschnittenem Unterrichtsstoff. In letzter Konsequenz führt für Otto der Weg nicht an einem separaten Schulsystem für hoch Begabte vorbei.
Ganz so weit gehen die Forderungen der FDP nicht. Nach Ansicht der Liberalen sollten die überdurchschnittlich intelligenten Kinder bereits in der Grundschule gefördert werden, aber noch im Klassenverband mit ihren normal begabten Mitschülern bleiben. Für die Gymnasien fordert Pieper-von Heiden hingegen Sonderklassen für die hoch begabten Schüler. In jeder kreisfreien Stadt und in jedem Kreis müsse eine solche Klasse eingerichtet werden.
In diesem Punkt gehen die Meinungen auseinander. „Wir müssen die Schulen befähigen, die hoch Begabten im Klassenverband zu fördern", sagt Madeleine Majunke-Noll, Sprecherin beim Bonner Regionalverband der Deutschen Gesellschaft für das hochbegabte Kind. Die Jugenddorf-Christophorusschule in Königswinter, die eine solche Integrationsklasse anbiete, sei nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Dringlichste Aufgabe sei es, die Förderung von überdurchschnittlich intelligenten Kindern bereits bei der Ausbildung von Lehrern zum Thema zu machen. „Bei der Unterstützung von hoch begabten Schülern stellen wir noch am Anfang des Weges", so Majunke-Noll.

© Jörg Schüren www.general-anzeiger-bonn.de (6. März 2003)