Leistungsverhalten hochbegabter Schülerinnen und Schüler

Beobachtungen zum Leistungsverhalten hochbegabter Schülerinnen und Schüler an der CJD Jugenddorf-Christophorusschule Königswinter




Verfasser: Hans-Joachim Gardyan

 

Wer in der Schule mit hochbegabten Kindern und Jugendlichen zu tun hat, ist erstaunt über die individuelle Vielfalt, in der uns hochbegabte Schüler begegnen, auch wenn wir im Weiteren uns nur auf getestete Schüler mit allgemeiner Hochbegabung 1 beschränken wollen. Vorsicht ist also angebracht vor schnellen Verallgemeinerungen und Klassifizierungen.

Dennoch werde ich den Versuch wagen,
anhand einiger Fallbeispiele das Leistungsverhalten von allgemein hochbegabten Schülern unserer Schule – aus der Sicht des Lehrers – zu skizzieren. Von den dargestellten unterschiedlichen Gruppen glaube ich sagen zu können, dass sie weniger Ausnahmeerscheinungen, die es ebenfalls gibt, repräsentieren, sondern eher in gewisser Weise typisch sind und im Unterricht immer wieder auffallen. Dass die Fachnote ausschließliches Kriterium für die Einstufung dieser Fallbeispiele ist, mag selbstverständlich erscheinen – schließlich entscheiden ausschließlich Schulnoten, ob ein Hochbegabter als Hochleister oder als underachiever gesehen wird. Andererseits kann wohl niemand bestreiten, dass mit Fachnoten allein weder die Möglichkeiten der Leistungserbringungen in der Schule noch das Leistungspotential eines Schülers hinreichend beschrieben sind.

Vorher soll begründet dargestellt werden,
welchen Stellenwert generell die Leistung in der Schule einnimmt, welchen Stellenwert die Schule der Leistungserbringung ihrer Schüler einräumt. Welcher pädagogische Grundkonsens, welche Kultur des Miteinanders, kurz welches Menschenbild definiert als Grundlage des Bildungs- und Erziehungsauftrags den Begriff „Leistung“? Damit sind nicht Passagen aus dem Schulgesetz oder Richtlinien gemeint, sondern das, was die an Schule beteiligten Menschen, in erster Linie die Lehrer, aber auch die Eltern und Schüler miteinander verabredet haben. Zum Beispiel ist unsere schulische Hochbegabtenförderung durch unser christliches Menschenbild sinnfällig und ist dadurch entscheidend geprägt.

Anders ausgedrückt: Die Beantwortung der Frage nach dem Leistungsverhalten des Hochbegabten ist vielschichtig und komplex, wie die Interdependenzen von Begabungsfaktoren, nichtkognitiven Persönlichkeitsmerkmalen und Umweltmerkmalen es in den gängigen mehrdimensionalen Begabungsmodellen 2 verdeutlichen. Unsere Schule bemüht sich, die schulrelevanten leistungskonstituierendenm Faktoren und Merkmale positiv zu beeinflussen.3 Wichtige Grundlagen und Konsequenzen sind:

• Der junge Mensch ist ein einzigartiges angenommenes Geschöpf Gottes – unsere Pädagogik individualisiert. Sie akzeptiert und bejaht Unterschiede, sie nimmt den jungen Menschen an – sei er lernbehindert oder extrem hochbegabt: „Nicht für alle das Gleiche, sondern für jeden das Beste“. Die Menschen sind nicht gleich, aber gleichwertig.

Jeder (junge) Mensch hat, durchaus unterschiedlich ausgeprägt, Begabungen und Schwächen. Entsprechend muss die Schule gleichzeitig fördern und helfen, nicht nur in ausgesuchten Feldern, sondern möglichst umfassend und ganzheitlich. Auch der Hochbegabte hat Schwächen und darf Schwächen haben, auch der weniger Begabte hat Begabungen, die zu entdecken und zu fördern gleich wertvoll und dringlich sind. Schubladen und Podeste – „das Genie – der totale Versager“ – sind zur Klassifizierung von Menschen ungeeignet.
• Das Christentum ist ein Angebot, dem eigenen Leben Ziel und Sinn zu geben. Das daraus resultierende Engagement für den Schwachen und die Übernahme von Verantwortung für den anderen ist ebenso sinnvoll für den Hochbegabten selbst wie für die ganze Schulgemeinschaft.

Ein gutes Leistungsverhalten des Hochbegabten an unserer Schule resultiert also aus:
• einer hohen kognitiven Potenz – die angemessen methodisch-didaktisch berücksichtigt werden muss;
• einer psychischen und sozialen Disposition – die durch das Schulklima der Akzeptanz und Geborgenheit in der Interaktion mit dem Lehrer, der Klasse und der gegliederten Schulgemeinschaft positiv beeinflusst wird. (Du bist, so wie du bist, für uns wertvoll). Neben den persönlichen Beziehungen in der Schule und ggf. im Internat ist die professionelle Beratung und Hilfe des Psychologen wichtig;
• einem verbindlichen ganzheitlichen Bildungsansatz, – der Neugier weckt, bereits ab der 5. Klasse die Selbständigkeit und Kreativität fördert, Einseitigkeiten vermeidet und auf allen Ebenen motiviert;
• verschiedenen Hilfs- und Förderangeboten, die ein systematisches Methodentraining und Strategien zum „Lernen lernen“ einschließen – falls hochbegabtenspezifische Defizite im Lernverhalten vorliegen;
• einem Menschenbild, – das erfahren lässt, dass bei allen Unterschieden der Einzelne wertvoll und angenommen ist, dass eine Sinn- und Werteorientierung angeboten wird und dass die Übernahme von Verantwortung wichtig ist;
• der positiven Besetzung von Leistung und damit der Akzeptanz von Unterschieden und der Akzeptanz der Leistung des anderen.

Die Schule
Die CJD Jugenddorf-Christophorusschule Königswinter ist ein 1992 gegründetes Gymnasium mit integrierter Hochbegabtenförderung und Realschulzweig (ca. 1150 Schüler) mit angeschlossenem Internat für Mädchen und Jungen. Der schulpsychologische Dienst befindet sich im Aufbau. Hochbegabte Schüler werden von Klasse 5 bis 8 (zur Zeit bis 10) in Integrationsklassen mit je zur Hälfte mit gut begabten Gymnasiasten gefördert, ab Klasse 11 (später ab Klasse 9) innerhalb eines eigenen „Förderzweigs für allgemein hochbegabte Jugendliche“.

1. Der Stellenwert der Leistung

„Leistung ist nicht alles in der Schule, aber ohne Leistung ist Schule nicht Schule“. Dass schulische Leistungen sich nicht nur in Schulnoten widerspiegeln, dass Qualifikationen und Einstellungen, Engagement und Verantwortungsbereitschaft u.v.m. in einem weiteren Sinne wertvolle Leistungen sind, ändert nichts an der zentralen Bedeutung der Noten, die fast ausschließlich den schulischen Erfolg bzw. Misserfolg bedingen. Selbst unter Berücksichtigung des chronischen Unbehagens, das beim Thema Leistungsbewertung unweigerlich hochkommt, lautet die zentrale Frage: Wie fördere ich die Motivation und Leistungsbereitschaft des hochbegabten Schülers im Unterricht? Denn erfahrungsgemäß verbessert sich nicht die Unterrichtssituation des hochbegabten Kindes dadurch, dass noch so interessante außerunterrichtliche Angebote wahrgenommen werden. Die Antwort kann nur lauten: Mut zu curricularer und methodischdidaktischer Veränderung des Hochbegabtenunterrichtes! Und dort, wo ein überragendes Gedächtnis dem hochbegabten Kind vorgaukelte, ohne systematische Lernstrategien und leider auch oft genug ohne dazugehörende Anstrengungsbereitschaft erfolgreich dem Unterricht folgen zu können, muss die Schule entsprechende Hilfsangebote bereitstellen, die konsequent in den Fächern fortgeführt werden.
Weitere Ausführungen zu einer curricularen Revision und zu methodischdidaktischen Veränderungen im Unterricht allgemein hochbegabter Kinder und Jugendlicher können an dieser Stelle nicht erfolgen.4 Vielmehr möchte ich noch einmal den Leistungsbegriff in der Schule über den Unterricht hinaus in einem ganz weiten Sinne auffassen. Dies hat trotz der Priorität des Unterrichts mehrere Gründe:

• Schule ist mehr als Unterricht! Der Erwerb von Schlüsselqualifikationen und die Ausbildung eines Wertebewusstseins findet nicht nur im Fachunterricht statt. Die Fachnoten selbst bewerten z.B. die wichtige Schlüsselqualifikation „Teamfähigkeit“ in der Regel nur unvollkommen, ganz zu schweigen von wichtigen sozialen Kompetenzen. Auch besonders begabte junge Menschen müssen auf die hochspezialisierte Lern- und Arbeitswelt von morgen gut vorbereitet sein. Darum sollen hochbegabte Schüler zusätzlich zum Unterricht Möglichkeiten haben zu lernen, wie man kommuniziert und Verantwortung übernimmt, Perspektivwechsel in sozialen Rollen vornimmt und Probleme und Konflikte rational austrägt. Was hier an Leistungen erbracht wird, sollte nicht gering geschätzt werden, auch wenn es sich nicht direkt in Noten niederschlägt.
• Durchschnittsschüler mit schlechten Schulnoten zeigen bisweilen erstaunliche Fähigkeiten und Leistungen in ganz anderen, außerunterrichtlichen Bereichen. Warum sollte das nicht auch für underachiever gelten? Der positive Einfluss von Leistung und Anerkennung auf Bereiche, in denen der Schüler weniger erfolgreich ist, kann vor allem denen, die sich wenig zutrauen, weiterhelfen.
• Wie in allen Begabungsmodellen dargestellt, schafft die hohe Begabung allein noch nicht die hohe Leistung. Auch eine durchaus vorhandenen Motivation und Anstrengungsbereitschaft auf Seiten des Hochbegabten genügt nicht, wenn das Schulklima nicht leistungsfreundlich, die peergroup vielleicht sogar leistungsablehnend ist.

Hier ist ein pädagogischer Konsens über die Bildungs- und Erziehungsziele aller an Schule Beteiligten vonnöten, der auch den Stellenwert des Leistungsbegriffs einschließt. Wiederum erweisen sich die christlichen Grundlagen unserer Pädagogik als grundlegend:
Aus unserem christlichen Menschenbild folgt, dass unsere Schule im Gegensatz zur Leistungsgesellschaft den Wert des Menschen nicht über die Leistung definiert. Jeder Schüler ist als einmaliges Geschöpf wertvoll. Auch wenn ein junger Schüler sagt: „Ich bin schlecht in Englisch“, ist er nicht schlecht, sondern seine Leistung in Englisch. Wenn unser Menschenbild vermittelt, dass auch beim Misserfolg kein existenzieller Absturz droht, sondern dass wir dem jungen Menschen vertrauen und ihm Leistung zutrauen, können wir den Jugendlichen stützen. Das heißt andererseits, dass die Schule im umfassendsten Sinne und auf allen Ebenen Leistung ermöglichen muss und zur Leistung ermutigt. Gerade für Schüler, die Frustration und Misserfolg schmerzlich gespürt haben (dieses Gefühl hat durchaus auch seinen pädagogischen Wert), ist andererseits der Erfolg in irgend einem der vielfältigen Betätigungsgebiete der Schule zur Stabilisierung der jungen Persönlichkeit wichtig. Also ist die Schule randvoll gefüllt mit Gelegenheiten und Möglichkeiten, Leistung zu erbringen, und Lob und Bestätigung ist eine der wichtigsten Lehrerinteraktionen.

Flankiert wird diese affirmative Pädagogik vom übergeordnetem Lernziel der Akzeptanz des anderen, der nun auch wirklich ganz anders sein kann. Im Gymnasium mit Realschule „unter einem Dach“ müssen von Anfang an und Tür an Tür Schüler verschiedener Schulformen miteinander auskommen. Unter den Schülern gibt es unterschiedliche Begabungen, Hochleister und Lernbeeinträchtigte, der Behindertenanteil in unseren Klassen ist erhöht. Pädagogisch angestrebt wird dadurch die Erziehung zur Akzeptanz auch der ganz unterschiedlichen Leistung, zur Akzeptanz der Leistung des anderen. Das Verhältnis zur Leistung wird inzwischen „natürlicher“, unverkrampfter, selbstverständlicher. Die Präsentation von Leistung hat einen hohen Stellenwert, ebenso das Zuhörenkönnen und Dazulernen. Die Leistungsanerkennung durch die Schule kennt keine olympischen Ränge. Selbst bei der Abschlussfeier treten Abiturienten mit oder ohne Hochbegabtenzertifikat und Realschüler alphabetisch auf. Schließlich werden keine Abschlüsse, die in ihrer Wertigkeit qualitativ durchaus verschieden sind, verabschiedet, sondern junge Menschen, die uns auf keinen Fall auf Grund ihrer Noten mehr oder weniger wichtig sind.

2. Das anregungsreiche helfende und fördernde Lern- und Lebensumfeld Schule 5

Anhand eines Schaubildes kann kurz dargestellt werden, wie die Schule fördert und hilft und somit unterschiedliche Leistungen ermöglicht.

Die CJD Jugenddorf-Christophorusschule Königswinter

Gymnasium mit integrierter Hochbegabtenförderung und Realschulzweig „unter einem Dach“ · Individualisierende Pädagogik auf der Grundlage des christlichen Menschenbildes · Selbständigkeit und Verantwortung lernen in der Gemeinschaft des Jugenddorfes

Einander akzeptieren und helfen – voneinander lernen

Das Schaubild verdeutlicht ein vielfältiges Angebot, das sich an alle Schüler wendet. Bezogen auf das Thema „Leistungsverhalten“ möchte ich drei Punkte herausgreifen:

1. die ca. 100 Arbeitsgemeinschaften, in denen Schüler zum Teil erstaunliche Leistungen ohne den unterrichtsspezifischen Leistungsdruck erbringen und ihre Lehrer in einer anderen „Rolle“ kennen lernen. Von A wie „Altgriechisch“ bis Z wie „Zirkus“ ist für jeden Schüler „etwas dabei“, wobei einige AGs wie die schuleigene Imkerei gleichzeitig kognitiv anspruchsvoll wie stark praxisbezogen sein können. Auch die Tatsache, dass in den Arbeitsgemeinschaften keinerlei methodische Einengungen existieren, dass methodisch durchaus Neues probiert werden kann, ist für die Hochbegabtenpädagogik nicht uninteressant.

2. das Jugenddorfprogramm, das die halbjährig konzipierte öffentliche Plattform für Schülerprojekte aus Unterricht und dem außerunterrichtlichem Bereich darstellt. Die Bereitschaft und Fähigkeit des Schülers, Leistungen zu erbringen, wird gestärkt, wenn es in einer Schule „normal“ ist, Leistungsergebnisse zu präsentieren (bei Hochbegabten bestehen zum Teil gewaltige Unterschiede zwischen dem, was nach Einschätzung des Fachlehrers der Schüler weiß und was er z. B. im Abitur schriftlich oder mündlich präsentiert.) Natürlich fehlen auf dieser „Trainingsplattform Jugenddorfprogramm“ nicht die Veranstaltungen und Vorträge von außerschulischen Experten. Die Elternschaft jeder Schule bildet einen riesigen Wissenspool, aber auch Vertreter von Hochschulen, Instituten und Forschungseinrichtungen motivieren den hochbegabten Schüler zu ungewöhnlichen Leistungen.

3. das Erlernen eines Musikinstrumentes in unserer Musikschule. Vielfältig sind die Gründe, die dafür sprechen: Freude am Spiel, Fähigkeiten in einem ästhetischen Bereich entwickeln und erfahren, Disziplin beim Erlernen und Teamfähigkeit beim Zusammenspiel beweisen.

Fördermöglichkeiten für hochbegabte Kinder

an der CJD Jugenddorf-Christophorusschule Königswinter

Das zweite Schaubild zeigt, welche wesentlichen Förderprinzipien und Organisationsformen der Hochbegabtenförderung in der Sekundarstufe I (Beispiel der Erprobungsstufe) an der Schule in sogenannten „Integrationsklassen6 installiert sind.

Förderlich für das Leistungsverhalten hochbegabter Schülerinnen und Schüler haben sich drei grundlegende didaktische 7 Ziele erwiesen, die für das spezifische Lernverhalten in der Oberstufe konzipiert wurden. Auch in der Sekundarstufe I ist eine Berücksichtigung sinnvoll.

Grundlegende didaktische Ziele

1. - in Bezug auf den Schüler
Förderung der Selbständigkeit im Lernverhalten und in der Informationsbeschaffung

2. - in Bezug auf die Lerngruppe
Entwicklung des kooperativen Lernens Schüler-Schüler; Schüler-Lehrer Kultur des Präsentierens und Profitierens von Schülerleistungen

3. - in Bezug auf den Lerninhalt
Förderung des Erkennens komplexer Zusammenhänge, des problemlösenden Denkens wie des „generativen“ Wissens

Im ersten und zweiten Bezug wird eine veränderte Lehrerrolle angedeutet. Der Lehrer ist weniger Stoffvermittler und mehr Moderator selbständiger Schülerleistungen – bis hin zur Bereitschaft, Lernphasen gemeinsam mit den hochbegabten Schülern zu erproben. Vor allem aber wird dem Hochbegabten signalisiert, dass man ihm Kompetenz zutraut. So können auch behutsam ein gestörtes Selbstbild abgebaut und Kommunikations- und Teamfähigkeit trainiert werden. Der dritte Bezug behandelt die Frage: Was sollen Hochbegabte eigentlich lernen? Die Praxis zeigt, dass ein starker Motivations- und Leistungsschub einsetzt, wenn im Unterricht ausgesprochen anspruchsvolle komplexe Themen angeboten werden und dadurch vernetzendes und problemlösendes Denken einen wesentlich höheren Stellenwert erhält.

underachiever
Wenden wir uns schließlich dem hochbegabten Schüler zu, dessen getestetes kognitives Potential gravierend von seiner schulischen Leistung abweicht, dem sogenannten „underachiever“. Bei allen Problemen bezüglich des Ausmaßes und der Definition des underachievers kann die Schule durchaus auf charakteristische Merkmale reagieren und auch Erfolge im Leistungsverhalten verzeichnen. Ich greife aus den Beobachtungen von Monika Jost drei aus meiner Sicht typische Gruppierungen heraus, die ich jeweils mit Zitaten von Jost einleite:

1. „Sie beherrschen wichtige Lern- und Arbeitstechniken nicht.“ Je früher die Schule mit systematischen Hilfen und Unterweisungen (z.B. Klassenlehrerstunden) beginnt, um so erfolgreicher werden diese sein. Am wichtigsten ist aber die konsequente Verabredung unter den Fachlehrern, die dem Schüler vermittelten Einsichten und Techniken im jeweiligen Fach weiterzuführen und mit dem Schüler kontinuierlich zu trainieren.

2. „Hochbegabte weigern sich oft, Routinetätigkeiten auszuführen und konsequent zu üben.“ Hier wird zusätzlich die Notwendigkeit eines qualitativ differenzierten Unterrichts deutlich, den auch eine methodische Beweglichkeit auszeichnet. Vieles im ansonsten bewährten Unterricht kann deutlich reduziert werden, wie z.B. Festigungsphasen. Auch von akzelerierten Unterrichtsabschnitten kann eine Erhöhung der Motivation ausgehen. Als wichtige pädagogische Herausforderung bleibt allerdings bestehen, formale und verabredete Regeln dem Schüler abzuverlangen, auch wenn der Unterricht sich durch ein weites „framing“ auszeichnet und dem divergenten Denken Raum gegeben wird.

3. „Sie leisten bewusst weniger, um sich auf diese Weise besser dem Klassenverband anzupassen und nicht aufzufallen; sie sind ängstlicher als normalbegabte Schüler; ihre Denkabläufe sind in Stresssituationen störungsanfälliger; sie haben oft ein geringeres Selbstvertrauen als andere.“

Hier sind die schulischen Rahmenbedingungen für die Hochbegabtenförderung von besonderer Bedeutung, auf die ich auch in meinen Ausführungen einen besonderen Wert legte. Dabei bin ich als Schulpädagoge mit Absicht nicht näher auf die unverzichtbare Arbeit des Psychologen eingegangen. Es versteht sich von selbst, dass eine Schule, die den Anspruch erhebt, auch den mit Problemen behafteten Hochbegabten zu fördern, auf die Betreuung, Beratung und Zusammenarbeit mit dem Psychologen nicht verzichten kann. Aber die Hauptlast sollte nicht in jedem Falle auf ihn abgewälzt werden, sondern es kommt mir darauf an zu zeigen, dass alle an Schule beteiligten Gruppen – Eltern, Schüler und Lehrer – ihre Verantwortung für eine Kultur des Miteinanders im Jugenddorf erkennen und wahrnehmen. Wenn diese Kultur von einem Klima der Akzeptanz des anderen und der Leistung des anderen geprägt ist, wenn unterschiedliche Begabungen ausgehalten werden, wenn Menschen auch Schwächen haben dürfen und an diesen dank unserer Hilfsangebote arbeiten können, anstatt sie aus gesellschaftlichem Imponiergehabe zu verdecken – dann kann schulische Bildung gelingen – auch für den besonders begabten jungen Menschen.

3. Fallbeispiele „Leistungsverhalten hochbegabter SchülerInnen“

Die aufgeführten Gruppen sind unter dem Aspekt des Leistungsverhaltens gebildet worden und beschreiben den momentanen Leistungsstand. Dabei zeigt sich bei einigen Schülern ein durchaus kontinuierliches Bild bezüglich des Leistungsverhaltens (z.B. A1), bei anderen ist durch einen gravierenden Wechsel der Zuordnungen bereits eine schulische „vita“ erkennbar. (A4, A5, B1-2).

A. Hochbegabte Hochleister
(Die Noten liegen fast ausschließlich im Bereich „sehr gut“)

1. vielseitig interessiert und motiviert; sozial stark anerkannt (Beispiel 1)
2. vielseitig interessiert und sozial weniger anerkannt (Beispiel 2)
3. vielseitig interessiert und motiviert/sozial weniger interessiert und anerkannt (Beispiel 3)
4. vielseitig interessiert und motiviert; sozial anerkannt; früher psychisch auffällig (Beispiel 4) 5. vielseitig interessiert und motiviert; sozial anerkannt; früher sozial auffällig (Beispiel 5)
6. einseitig interessiert und motiviert; sozial desinteressiert (Beispiel 6)

B1. underachiever
(Die Noten liegen im Dreier- / Viererbereich)

1. „Dreiertypen“, denen mäßige Benotungen ausreichen oder die meinen, ihre Klassengemeinschaft lehne sehr gute Noten ab („Streber“-Angst) (Beispiel 7)
2. frühere Schulversager (Beispiel 8)
3. psychisch Auffällige (Beispiel 9)
4. sozial Auffällige (Beispiel 10)

B2. Schulversager/-verweigerer
(Die Noten liegen überwiegend im mangelhaften Bereich)

1. mit positiver Tendenz; zusätzlich psychische und/oder soziale Auffälligkeiten und/oder nicht vorhandene Lernstrategien und Arbeitshaltung (Beispiel 11)
2. mit gleichbleibend negativer Tendenz, zusätzlich mit psychischen und/oder sozialen Auffälligkeiten und/oder nicht vorhandene Lernstrategien und Arbeitshaltung (Beispiel 12)

Es zeigt sich bei den konkreten Fallbeispielen, dass in der Gruppe der Hochleister die Kategorie „vielseitig interessiert und motiviert“ deutlich stärker vertreten ist als die Kategorie „einseitig interessiert“. Ich halte dies für typisch bei Vorliegen einer allgemeinen Hochbegabung, möchte es aber bei einer Hypothese belassen, solange nicht eine umfassendere Untersuchung durchgeführt ist. Die vorliegende Kategorisierung fußt auf Beobachtungen in unserer Schule und will keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Für die hilfreiche Unterstützung durch die Fachkolleginnen und -kollegen bedanke ich mich herzlich!



Anmerkungen

1 Diese Terminierung hat sich als schulinterner Begriff im Gegensatz zur „speziellen Hochbegabung“ bewährt, um die unterschiedlichen schulischen Förderansätze gegenüberzustellen. Er bedeutet eine signifikante kognitive Überlegenheit, die sich nicht nur in einem Schulfach oder Bereich (Sprachen, Naturwissenschaften) manifestieren lässt. Obwohl auch allgemein hochbegabte Schüler eine stark ausgeprägte Neigung zu einem Fachbereich haben können, können sie exzellente Leistungen in ganz anderen Bereichen erbringen, wenn die Schule dieses einfordert.
Unsere Schule fordert dieses, weil wir im voruniversitären Bereich nicht die frühe Spezialisierung favorisieren, sondern in unserer hochspezialisierten Wissensgesellschaft eine breite Allgemeinbildung für unerlässlich halten. Dies entspricht nicht nur unserem ganzheitlichen Bildungsansatz, sondern auch dem eigentlichen und faszinierenden Potential des allgemein Hochbegabten im Gegensatz zum gutbegabten Gymnasiasten, unterschiedliche schulische Wissensgebiete mühelos beherrschen und vernetzen zu können und sie damit generativ auf andere Wissensgebiete einwirken zu lassen.

2 Vgl. dazu z.B. Das Münchner Begabungsmodell (Heller, Kurt A. (2000) Begabungsdefinition, Begabungserkennung und Begabungsförderung im Schulalter. In: Harald Wagner (Hrsg.)
Begabung und Leistung in der Schule, Bad Honnef S. 42.)

3 Vgl. dazu: Gardyan, Hans-Joachim (1995):
Christliche Schulen - Erziehungsmodell der Zukunft ? In: Evangelische Verantwortung, Heft Dezember/Januar Bonn, S.2ff.

4 Vgl. dazu Gardyan, Hans-Joachim (1988) Methodisch-didaktische und unterrichtsorganisatorische Besonderheiten im Spitzenbegabtenzweig der CJD Jugenddorf-Christophorusschule Braunschweig
– Unterrichtserfahrungen in exemplarischer Darstellung. In: B. Grillmayr, Dr. W. Hübl, G. Pusch (Hrsg.) Kongressbericht „Begabungen gefragt! Needed – The Gifted!" Salzburg, S. 167ff. und Fußnote 5.

5 Auf eine Fülle von hemmenden und fördernden Faktoren eines positiven Lernumfeldes wie räumliche Ausstattung, qualitativ hochwertige Ausstattungen, Ausbildungsstand der Lehrer, Kooperationen mit anderen Einrichtungen, Elternengagement u.v.m. wird hingewiesen.

6 Gardyan, H. J. (2000). Integrationsklassen für hochbegabte Kinder in der Erprobungsstufe (Klasse 5 und 6) an der Jugenddorf-Christophorusschule Königswinter. In: H. Joswig (Hrsg.) Begabungen erkennen – Begabte fördern (S.201-217) Rostock: Universität Rostock (ABB-Drucke 4). Auf unsere Hochbegabtenförderung in der Oberstufe, deren Konzeption dem Konzept des Förderzweigs in Braunschweig entspricht, kann an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden. Auch die Förderung der musikalischen Hochbegabung soll hier nur erwähnt werden.

7 Vgl. Fußnote 4, a.a.O., S. 168.

8 Vgl. dazu: Jost, Monika (1999): Extra-Klasse. Hochbegabte in der Schule erkennen und begleiten. Wiesbaden S. 44ff.


Dieser Text ist Teil einer Veröffentlichung des Forum Bildung:

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Beobachtungen zum Leistungsverhalten hochbegabter Schülerinnen und Schüler an der CJD Jugenddorf-Christophorusschule Königswinter hier ab Seite 29.