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Die Theater-AG präsentiert am 4. Juli und am 5. Dezember
2005:„Die Absurdität der kahlen Sängerin“
Es ist ein englischer Abend in einem englischen Esszimmer.
Ein englisches Ehepaar sitzt an einem englischen Tisch und isst englisches
Essen. Mr. Smith (gespielt von Alyoscha Jans) liest eine englische Zeitung
und schweigt eine englische Stille.
Mrs. Smith (Jasmin Jerat) versucht, ein englisches Gespräch anzufangen.
"DasÖl war nicht ranzig", sagt sie in munterem Ton und
sucht vergeblich den Blick ihres Ehemannes, dessen Interesse ganz seinerenglischen
Zeitung gilt. "Das Öl vom Händler an der Ecke ist besser
als das Öl vom Händler vis-à-vis, es ist sogar besser
als das Öl von Händler weiter unten", fährt sie überzeugt
fort. Keine Reaktion. "Aber ich will damit nicht sagen, dass ihr
Öl schlecht wäre", ergänzt sie fast schuldbewusst,
als hätte sie den Händler weiter unten nicht kränken wollen.
"Doch", sinniert sie vor sich hin, "das Öl vom Händler
an der Ecke ist immer noch das beste." Mrs Smith plaudert unbeirrt
ihren Monolog weiter, erzählt Belangloses und Selbstverständliches,
versucht, die Stille mit leeren Inhalten zu füllen.
Der Zuschauer hingegen ist inzwischen irritiert. Sichtlich irritiert.
Denn welches normale Ehepaar redet schon über solch belanglose Dinge?
Diese Art von Gesprächen kennt man natürlich nicht von zu Hause,
wo es immer etwas Interessantes zu erzählen gibt und jedem volle
Aufmerksamkeit geschenkt wird... oder? Es ist nicht das letzte Mal am
Abend des 4. Juli, dass er irritiert sein wird. Denn das neue Stück
der Theater-AG ist voller alltäglichen Situationen, die so extrem
dargestellt werden, dass man die subtil vermerkte Gesellschaftskritik
nur schwer herauskristallisieren kann - oder will. Denn wer möchte
schon erkennen, dass auch er manchmal in solche Gespräche verwickelt
wird und dass sie ja eigentlich gar nicht mal so eine Seltenheit sind...?
Auf der Bühne geht es nun in einer anderen Geschichte weiter. Denn
die Aufführung besteht aus zwei Stücken:
"Die kahle Sängerin"(die selbst nicht auftritt) und "Die
Stühle", beide von Eugene Ionesco. Inzwischen heißt ein
vergreistes Ehepaar (aus "Die Stühle") auf der Bühne
Gäste willkommen, die - wie es scheint - nur von ihnen gesehen werden
können. Denn obwohl das Ehepaar anscheinend mit der Luft redet, kann
es einen Stuhl, auf dem angeblich eine sehr beleibte Dame sitzt, nur schwer
bewegen. Und gleichzeitig reden beide Eheleute zwar in die Richtung der
Dame, die in der Mitte der beiden sitzt, aber könnte es nicht genauso
gut sein, dass sie miteinander reden und dafür einfach aneinander
vorbei sprechen? Es wäre vielleicht möglich, überlegt man
nun als Zuschauer, denn als wieder eine Szene aus dem anderen Stück,
der "Kahlen Sängerin", kommt, haben die Smiths inzwischen
auch Gäste. Die Martins, die gemeinsam zur Tür hereingekommen
sind, scheinen sich zunächst gar nicht zu kennen. Zaghaft fragt Mrs
Martin, dargestellt von Franziska Jacob, ob es denn nicht vielleicht möglich
sei, dass sie sich schon einmal begegnet wären...? Gut möglich,
erwidert Mr Martin (Frauke Stenglein), und warum nicht, aber er entsinne
sich dessen nicht. Vielleicht, tastet sie sich voran, vielleicht haben
sie sich ja... in Manchester getroffen? Gut möglich, und warum nicht,
bekommt sie zur Antwort, aber er entsinne sich dessen nicht. Und so geht
es weiter. Mr und Mrs Martin stellen nach und nach verwundert fest, dass
sie beide aus Manchester kommen, es beide vor fünf Wochen verlassen
haben, mit dem gleichen Zug gefahren sind und im gleichen Abteil saßen.
Dass sie beide in der Bromfieldstreet Nr. 19, im fünften Stock im
Appartment Nr. 8 wohnen und in einem Bett zwischen Klosett und Bibliothek
unter einer grünen Federdecke schlafen. Und immer wieder betonen
sie, dass es gut möglich wäre - und warum nicht, aber sie entsinnen
sich keineswegs, immer und immer wieder hört der Zuschauer den Satz,
bis er am liebsten aufschreien möchte, sie sollen gefälligst
andere Ausdrücke nehmen. Aber nein, das hätte man ja wissen
können, dass so etwas im Stück vorkommt, denn wie war nochmal
die Beschreibung? Achja, Tragödie der Sprache. Als man sich gerade
mit den Ausdrücken anfreunden will, fangen Martins plötzlich
an, im Hopserlauf zu tanzen und freuen sich, dass sie einander wiedergefunden
haben - und weg ist die Verwunderung, so als hätte es sie nie gegeben.
Was für ein Glück, denkt man sich.
Falsch gedacht. Denn kaum glaubt man, dass man etwas Wahrheit erkennt
hätte, schon wird sie widerlegt. Ein adrett gekleidetes Dienstmädchen
(Manuela Pütz) springt behende mit einem Regenschirm auf die Bühne
und bringt mit einer messerscharfen Logik das eben so sorgfältig
aufgebaute Beweissystem der Martins zum Einsturz.
Währenddessen gelingt es dem Zuschauer wenigstens, das "Stühle"-Ehepaar
etwas einzuschätzen. Semiramis, die Ehefrau (Helen Winter), sprüht
geradezu vor Energie und Dynamik, während ihr Ehemann (gespielt von
Dominique Längner) sich betont gelangweilt mitschleppen lässt.
Semiramis bemuttert ihn geradezu, hält ihm vor, was er alles hätte
werden können, erzählt wehmütig von einem Sohn, den sie
angeblich hatten, schmettert voller Emotion einen Stuhl über die
Bühne, als sie dramatisch weinend den Verlust ihres einzigen Kindes
beklagt.
Ihr Ehemann hingegen redet monoton von seiner eigenen Kindheit. Seine
Mutter habe sterbend im Graben gelegen, sagt er ohne Zeichen einer Emotion,
sie wollte nicht, dass er geht. Aber - und nun erhellt sich sein Gesicht
plötzlich - er hatte Besseres zu tun. Und mit einer spontanen Motivation
schwärmt er von einem Ball, auf dem er stattdessen war, steigert
sich mit leuchtenden Augen hinein, während Semiramis beteuert, was
für ein guter Sohn er doch gewesen sei. Man erkennt, dass die Darsteller
sich richtig in ihren Figuren wohl fühlen, sich gerne in ihre Situationen
hineinversetzen, ihre Launen ausüben.
Das ist auch nicht weiter verwunderlich, denn gemeinsam mit Sandy Eggers
basteln sie nun schon ein Jahr lang an ihrer Figur herum und haben sie
sehr gut kennen gelernt - fast wie einen echten Menschen.
Obwohl die Sache mit real, sichtbar und irreal dem Zuschauer überlassen
wird. Denn die Martins und Smiths der "Kahlen Sängerin"
haben währenddessen einen weiteren Besucher, den Feuerwehrhauptmann
(Alexandra Kessler), der, wie es scheint, auch zunächst für
einige unsichtbar bleibt - bis er leibhaftig vor der Tür steht. Und
das ist für den Zuschauer noch nicht die letzte Überraschung
bei diesem Stück. Er wird sich noch über Kartoffeln, Selbstmorde,
Affären und einiges mehr wundern dürfen...
Alexandra Kessler, 10e
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