Nomen est omen:
Ein Segeltörn der Klasse 8E auf dem Ijsselmeer

 

Am Montag in aller Frühe trafen wir uns voller Abenteuerlust und Tatendrang. Letzeren musste dann auch der Busfahrer aufbringen, bis er nach schweißtreibender Arbeit die Vorräte beider Klassen mehr schlecht als recht verstaut hatte. Nach etwa fünfstündiger Fahrt kamen wir in Lemmer an, wo wir sogleich unser Schiff , die «Gaia», in Beschlag nahmen: ein stolzer und unter Deck urgemütlicher Zweimaster, die Gorch Vock elendig dagegen erscheint. Weil kein rechter Wind aufkommen wollte, musste unser Skipper Erik, begleitet von seiner Freundin Anja und dem Maat Rob, den Motor anwerfen, um in See stechen zu können. Da lagen wir also nun alle auf Deck und aalten uns in der Sonne, während unser Boot gemütlich über das IJsselmeer tuckerte. Nein, nicht alle: Ein guter Geist gönnte sich nur selten eine Pause und achtete unter Deck, in der Küche und im Mannschaftsraum kleinlich auf Ordnung und Sauberkeit.
Als dann vollständige Flaute einsetzte, warf Erik den Anker und erklärte die Badesaison für eröffnet. Alles war erlaubt – nur kein Kopfsprung von Bord. Einer hatte dies wohl nicht mitbekommen (wollen), denn Erik verpasste ihm einen Tadel, mann zog den übermütigen Springer kurzerhand aus dem Verkehr.
Aber auch mit den Spielregeln auf Deck hatte manch einer seine liebe Mühe. Trotz mehrmaliger Ermahnung wurde auf den Bootsplanken wild umhergesprungen, vorzugsweise tief in der Nacht, und am anderen Morgen darauf angesprochen wurde dann so getan, als könne man kein Weßerchen trüben. Wieder ein anderer balancierte mit Vorliebe auf der Reling und konnte nur mit großer Überzeugungskunst davon abgehalten werden, nicht den Hauptmast emporzuklimmen. Wenn man diesem jungen Mann so zusah, konnte man nur denken: hoffentlich Alljans versichert. Dass Erik eines abends vor versammelter Mannschaft eine Moralpredigt hielt, war nur zu verständlich; völlig unverständlich dagegen das Verhalten eines Besserwissers, der sich partout nicht belehren lassen wollte und den Skipper nicht „seriös“ nehmen wollte.
Die Fahrt stand ganz unter dem Zeichen der zwischenmenschlichen Annäherung und Begegnung, wenn auch nicht alle liebestollen Werke, mit denen man zu imponieren gedachte, von Erfolg gesegnet waren. Einer Schülerin gelang es hingegen schon am ersten Abend, ihren sehr dezidierten Wunsch vom Traumpartner Wirklichkeit werden zu lassen: Nicht Walter, nicht Dirk, sondern Filip musste es sein – und der ergab sich nach intensiven mündlichen Verhandlungen gar nicht mal so ungern in sein Schicksal. Letzteres beklagte mit lautem Wehgeschrei sein Kumpane, hätten ihm die Weiber doch an diesem unseligen Mohntag seine besten Freunde gestholen. Und ausgerechnet dieser Schwerenöter zog dann seinerseits ein weibliches Wesen derart in seinen Bann, dass diese im weiteren Verlauf der Fahrt keine Chance mehr hatte, Hollands schöne Bergwelt zu bestaunen.
Am zweiten Tag nahmen wir Kurs auf Texel und erreichten gegen Abend den Hafen, der für zwei Nächte unser Lagerplatz werden sollte. Viel zu spät hopsten auch in dieser Nacht wieder verrückte Geister auf Deck hin und her, und die ahnungslos und unschuldig in ihren Kajüten liegenden Mitreisenden wurden so mehrfach durch erdbebenartige Erschütterungen aus dem wohlverdienten Schlaf gerissen. Noch schlaftrunken nahmen wir am folgenden Tag unsere Leihräder in Empfang, um die Insel zu überqueren. Nach einem Besuch im Meeresmuseum „Ecomare“ verbrachten wir den ganzen Nachmittag am herrlichen Sandstrand und tummelten uns in den Wellen der ungewohnt warmen Nordsee.
Doch die Rückfahrt zum Schiff barg noch einige Tücken. Zunächst kamen zwei Fahrradschlüssel abhanden. Während der eine – seid voll Ohr, mann glaubt es kaum– genau in der Rucksacktasche, in welcher unzählige Male nach ihm getastet worden war, auf wundersame Weise wieder zum Vorschein kam, blieb der andere unauffindbar; auch bei den umliegenden Baurn war nichts abgegeben worden. Wir forderten ein neues Fahrrad an und konnten endlich aufbrechen. Nur noch wenige Minuten fehlten zum Ziel, als eine junge und graziöse Dam´ annahm, dass nun nichts mehr passieren könne. Aber Pustekuchen: Im nächsten Augenblick verselbstständigte sich ihre Pedale auf dem Deich, und die so gehandicapte musste von ihrem aufopferungsvoll gegen den Wind kämpfenden Lehrer über die Ziellinie geschoben werden. Immerhin erreichte sie das Ziel auf ihrem Drahtesel rollend, was man nicht von allen behaupten kann: nicht mal mehr schieben konnte man das Fahrrad des ungestümen Radlers, der den Zaun erst quasi erckante, als es schon zu spät war – die Gabel war gebrochen, die Nase zum Glück jedoch nicht. Den Abend nutzten einige dazu, Postkarten zu schreiben und im nächstgelegenen Briefkasten einzuwerfen. Diesen zu finden, stellte eine Teilnehmerin vor schier unlösbare Schwierigkeiten, und wenn ihr die zwölf Apostel nicht beigestanden hätten, wäre sie vermutlich immer noch auf der Suche.
Am Donnerstag blies der Wind endlich kräftiger, und die Segel mussten rasch gehisst werden. Manche bestachen dabei durch ihren flinken und zuverlässigen Einsatz, auch wenn das Boot keinen Geschwindigkeitsrausch zuließ. Selbst bei diesem Seegang servierte ein Schüler seinen Lehrern gekonnt und charmant den morgendlichen Kaffee, ein Jack Daniels war in der Bordbar leider nicht aufzutreiben. Das Wetter zeigte sich an diesem Tage etwas trübe, was sich auch auf dem ein oder anderen Gesicht niederschlug. Mensch, schau doch nicht so mürrisch, die Sonne kommt schon wieder raus - keep smeiling!
Auf dem Boot mussten auch einige Qualen ertragen werden. So bereitete ein eingeklemmter Finger zunächst unsägliche Schmerzen, doch der betroffene junge Mann hielt sich wacker, mannhaft ertrug er das Pochen im Finger ohne mit der Wimper zu zucken. Die unbarmherzig niederbrennende Sonne hinterließ ihre Zeichen auf Gesichtern und Waden; mit einem stöhnenden „Ich armseliger Wicht“ reagierte der eine, während die andere mit unerträglicher Hitze im Körper im Boot auf und ab hoppelte und nur in einem großen Kochtopf voll kalten Wassers Linderung empfand. Die Quittung für ständiges Barfusslaufen erhielt ein anderer Schüler erst Tage später: wunde und entzündete Füße machten seine Teilnahme an den Bundesjugendspielen unmöglich. Nichtsdestoweniger zeigte er auch im Nachhinein keine Einsicht – „Ich begeue nicht´s!“ betonte er ausdrücklich.
Und die Lehrer? Die hatten letztlich alles im Griff und ließen sich von den Schülern nicht foppen. Man konnte sie im übrigen während dieser Woche nicht nur ständig
liv reden, sondern auch singen hören: beim Karaoke brachten sie mit ihrem herzzerreißenden Gesang beinahe die ewige Flamme zum erlöschen.
Freitag kam man wohlbehalten in Lemmer an und ließ die Woche bei einem gemeinsamen Pizzaessen ausklingen. Alles in allem waren alle begeistert von der Fahrt, und einer brachte es so auf den Punkt: „Echt total cuhl, so ein Segeltörn. Maßgeblichen Anteil am Gelingen der Klassenfahrt hatten sicherlich die Schüler, von den diesmal keiner den Vogl abschoss.
Auf ein Neues also in der 10E. Und was machen wir dann? Ist doch klar: no plane, no bike, no kar, no(w) ski – all we want is a trip on a sailing-boat !!!

Lukas Vreden


Klassenlehrer: Lukas Vreden