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Liebe Abiturientinnen und Abiturienten,
dies ist Euer Tag. Auf ihn habt Ihr 13 Jahre gewartet und sicher auch
hin gearbeitet. Und Ihr habt ihn Euch wahrlich verdient. Darum freuen
wir uns von ganzem Herzen mit Euch. Mit Euch gemeinsam wollen wir heute
diesen tollen Erfolg, Euer bestandenes Abitur feiern.
Im Namen der gesamten Schulgemeinschaft, der Eltern, Großeltern,
Geschwister, Verwandten, Freunde und Bekannten, der Vertreter der Stadt
und der im Rat vertretenen Parteien, an ihrer Spitze der erste Bürger
unserer Stadt Königswinter, Peter Wirtz, der Freunde und Förderer
unserer Schule, der Schülerinnen und Schüler und natürlich
des Kollegiums, darf ich Euch herzlich gratulieren.
Alle Schülerinnen und Schüler, die zum Abitur zugelassen waren,
haben - wie fast schon Tradition an unserer Schule - das Abitur auch bestanden.
Aber erstmalig seit 1995, unserem ersten Abiturjahrgang, hattet Ihr schon
nach der Bekanntgabe der Ergebnisse der schriftlichen Arbeiten das Abitur
in der Tasche. Keine Nerven zerfetzenden Bestehensprüfungen, kein
gemeinsames Zittern von Schülern, Eltern und Lehrern. Die wenigen
Abweichungsprüfungen konnten wir gelassen abwarten. Auch das spricht
für Eure Stufe.
Und noch etwas: 42 Abiturientinnen und Abiturienten erhalten ihr Reifezeugnis
nachher mit einer eins vor dem Komma. Auch das hatten wir noch nie. Zudem
zeichnen wir heute den 1000. Abiturienten an unserer Schule aus.
Aber wir wollen uns nicht an Erfolgsmeldungen ergötzen, sondern
eine sehr sympathische Jahrgangsstufe verabschieden. Ihr seid uns in den
letzten Jahren ans Herz gewachsen und habt uns mit Eurer ansteckenden
Lebensfreude, Eurem nach außen getragenen Optimismus und Eurer Zuversicht,
aber auch mit Eurem Einsatz für diese Schule überzeugt. Dafür
danke ich Euch. Gerne würden wir Euch bei uns behalten, aber Schule
bedeutet Gemeinschaft immer nur auf Zeit. Diese endet heute, spätestens
jedoch mit dem Abiturball im Beueler Brückenforum in der kommenden
Woche, auf den wir uns schon freuen dürfen..
Noch einmal also: Glückwunsch und Respekt!!! (Drei Ausrufezeichen)
Ihr habt Euch in diesem Jahr für ein besonders schönes, wie
ich finde zu Euch passendes Abiturmotto entschieden. Ich möchte es
aufgreifen und mit Euch über Eure Träume, Eure Vorstellungen
von Eurem weiteren Leben, aber auch über die an Euch gerichteten
Erwartungen sprechen.
"California - wir sehen uns auf der Sonnenseite". Viele Generationen
junger Menschen vor Euch haben in Kalifornien ihr Land der Träume
gesehen, es zum Synonym für Aufbruch und Freiheit verklärt.
"It never rains in Southern California" von Albert Hammond aus
dem Jahr 1972 ist nur ein Beispiel aus der Rock- und Popgeschichte, in
dem der American oder Californian Dream of Life nur scheinbar romantisiert
wird. Wenn man sich nämlich den Songtext, aber auch die etwa der
Eagles, von Led Zeppelin oder Lenny Kravitz einmal genauer ansieht, dann
wird auch eine andere Sicht der Dinge deutlich. Träume auf der einen,
der Blick für die Realität auf der anderen Seite gehören
zusammen. Der Mensch braucht Träume zum Leben, aber er darf sich
nicht darin verlieren.
John Lennon hat in seinem letzten Album mit dem schönen und für
heute so passendem Titel "Double Fantasy, erschienen drei Wochen
vor seinem gewaltsamen Tod, einen Song für seinen kleinen Sohn Sean
geschrieben "Beautiful boy". Darin findet sich eine wunderschöne
Zeile zu den menschlichen Träumen.
"Life is what happens to you, while you are busy making other plans."
Dennoch: Träume versperren nicht den notwendigen Blick für
das reale Leben, sondern sie sind manchmal die unbedingte Voraussetzung
für wichtige Veränderungen in unserem Leben und in dem der Gesellschaft.
Mir fällt in diesem Zusammenhang die 68er Generation ein. Ich habe
sie bewusst nicht miterlebt, wohl aber die Folgen immer wieder gespürt.
Die einen haben diese Zeit verklärt, die anderen sie verteufelt.
Sicher aber ist: Wie kaum eine andere Generation waren die Jugendlichen
damals auf die Straßen, ja auf die Barrikaden gegangen, um sich
für eine bessere, humanere und freiheitlichere Welt einzusetzen,
und dies weltweit. In den USA fanden die liberalen Träume 1968 ein
zunächst jähes Ende, nach der Ermordung des schwarzen Bürgerrechtlers
Martin Luther King und des Präsidentschaftskandidaten der Demokraten,
Robert Kennedy. Beide haben den Traum von einer friedlicheren Welt symbolisiert.
Auch mit Blick auf Kings wichtigste Rede, "I have a dream",
gehalten 1963 vor dem Lincoln Memorial in Washington, hat Kennedy in seiner
Präsidentschaftskampagne 1968 immer wieder eine Zeile aus einer Parabel
des irischen Dramatikers George Bernhard Shaw paraphrasiert:
Some people see things as they are and say, "why?".
I dream of things that never were and say, "why not?".
Fast wie ein Vermächtnis für uns alle hat er hinzugefügt:
"If not us, who? If not now, when?"
Ihr seid, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, die Generation, die
in den kommenden Jahren unser aller Geschick maßgeblich beeinflussen,
vielleicht bestimmen wird. Ihr seid aufgefordert, Euch einzumischen, Eure
Stimme zu erheben für Veränderungen, die notwendig sind. Eure
Träume, Eure Vorstellungen sollen, ja sie müssen Eingang finden
in die politische Realität.
"Wer ja sagt zur Freiheit" so sagt Joachim Gauck,
"wer sie nicht nur will, sondern auch lebt, dem fließen dann
auch Kräfte zu, die ihn und die Welt verändern lassen."
Und er fügt hinzu."Die Freiheit der Erwachsenen heißt
Verantwortung".
Dass Ihr bereit seid, diese Verantwortung zu übernehmen, davon sind
wir alle überzeugt. Gerade im letzten Jahr, vielleicht auch ein wenig
unterstützt durch Euren Umzug ins AZK, Eure eigene "Schulwelt",
habt Ihr Euch zunehmend von uns emanzipiert, seid selbständiger und
unabhängiger, eben erwachsen geworden. Schade deshalb, dass künftigen
Generationen von Schülern dieses so wichtige 13. Schuljahr bald nicht
mehr vergönnt sein wird.
Und wir Lehrer? Haben wir dazu den notwendigen Beitrag geleistet? Haben
wir Euch zu kritischen Staatsbürgern erzogen? Haben wir Widerspruch
nicht nur ausgehalten, sondern provoziert, herausgefordert? Habt Ihr bei
uns gelernt, Dinge nicht einfach für wahr zu nehmen, sondern sie
zu hinterfragen? Haben wir Euch zugehört, oder doch eher selbstverliebt
doziert?
Der englische Philosoph und Wissenschaftstheoretiker Sir Karl Popper
hat sich einmal treffend zum Thema Schule, zur Diskrepanz von Traum und
Wirklichkeit geäußert:
"Wenn ich an die Zukunft dachte, träumte ich davon, eines Tages
eine Schule zu gründen, in der junge Menschen lernen könnten,
ohne sich zu langweilen; in der sie angeregt würden, Probleme aufzuwerfen
und zu diskutieren; eine Schule in der sie nicht gezwungen wären,
unverlangte Antworten auf ungestellte Fragen zu hören; in der man
nicht studierte, um Prüfungen zu bestehen, sondern um etwas zu lernen!"
Wenn man diesen Text googelt, dann landet man zuerst auf der Seite eines
Anarchieforums. Probieren Sie es einmal aus. Dort ist das Zitat top gesetzt.
Der Traum von einer anderen, einer besseren Schule hat also etwas Anarchisches?
Der Gedanke, dass Lehrer im Grunde Anarchisten sind, oder doch sein müssten,
hat etwas Bestechendes. In jedem Fall aber müssen Lehrer Idealisten
sein. Denn anders können sie diesen schwierigen, anspruchsvollen
Beruf zum Wohle ihrer Schüler nicht ausüben. Leider fühlen
manche Lehrer nach vielen Jahren Schuldienst ihr Ideale verraten, durch
eine vermeintlich bornierte Schulbürokratie, durch Schüler und
Eltern, die Ihre Bemühungen nicht verstehen wollen, und durch Kollegen
und Schulleitungen, die sie scheinbar nicht unterstützen. Enttäuschungen,
Verhärtungen, mitunter scharfzüngiger Zynismus können dann
die Folge sein.
Das ist mehr als schade, denn wir alle, Schüler, Lehrer und Eltern,
wir haben ein gemeinsames Ziel. Wir wollen eine Schule, in der alle Schülerinnen
und Schüler begabungsgerecht ausgebildet und für ihr Leben außerhalb
der "besonderen" Welt Schule stark gemacht werden.
"Die Sachen klären, die Menschen stärken", das muss
immer das Ziel unseres gemeinsamen Bildungs- und Erziehungsauftrags sein.
Natürlich leben wir nicht in der Hybris, unsere Schule verkörpere
all die Ideale, von denen Karl Popper sprach. Auch bei uns gibt es Leerlauf,
hoffentlich aber wenig Langeweile, sicherlich aber kein Gegeneinander.
In jedem Fall sind wir eine Schule, in der wir gemeinsam den Weg zu einer
besseren und gerechteren Schulwirklichkeit gehen. Auch wir haben diesen
Traum, nicht weil wir Phantasten sind, sondern weil Veränderung,
orientiert an unseren Idealen, immer Not tut.
Ich komme noch einmal zurück auf Euer Abiturmotto. "Cabifornia
- Wir sehen uns auf der Sonnenseite". Es lässt zumindest zwei
Interpretationen zu. Seht Ihr Euch schon auf der Sonnenseite des Lebens,
privilegiert durch Euer Elternhaus, durch die Wahl der Schule?
Oder seid Ihr auf dem Weg, wollt Ihr auf die Sonnenseite des Lebens?
Die Gruppe "Ich und Ich" hat ein Album mit dem schönen
Titel "Gute Reise" herausgebracht. Auch das passt für eine
Entlassfeier. Darin findet sich ein wunderschönes Lied: "Einer
von Zweien". In schulische Sprache übersetzt geht es hier um
Chancengerechtigkeit und um die so ungleichen Startmöglichkeiten.
In der dritten Strophe heißt es:
"Einer von Zweien grübelt zu viel,
einer von Zweien hat kein gerades Ziel,
einer von Zweien trägt eine Last mit sich rum,
und der Andere,
der Andere kann nichts dafür,
für ihn öffnet sich jede Tür"
Wir wünschen Euch, dass sich für Euch alle Türen öffnen,
dass Ihr den geraden Weg auf die Sonnenseite des Lebens findet, dass es,
um den Song Albert Hammonds noch einmal aufzunehmen, niemals, oder doch
nicht soviel regnet in Eurem Leben. Aber verliert dabei nicht den Blick
für den Einen, dem es schwerer fällt, sich zurecht zu finden,
für den ihr die Tür öffnen könnt.
Für Euch alle gilt: wir würden uns über die Maßen
freuen, wenn Ihr ab und an einen Umweg nehmt und uns besucht, uns Teil
haben lasst auf Eurem Weg auf die Sonnenseite.
So wünsche ich Euch denn von ganzem Herzen den Euren unbedingten
Begabungen entsprechenden Erfolg in Studium, Ausbildung und Beruf,
Glück, Zufriedenheit und Gesundheit,
und auf allen Euren Wegen, gerade wenn sie nicht direkt auf die Sonnenseite
des Lebens führen, auf den Umwegen und den Sackgassen stets auch
Gottes schützenden Segen.
Macht es gut!!
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